Drohnenabwehr an der Ostgrenze: Polen baut mit dem „Sun“-System einen flächendeckenden Schirm auf
Mehr als zwei Milliarden Euro, erste Batterien ab 2026, volle Einsatzbereitschaft 2027: Polen plant entlang seiner Ostgrenze eine lückenlose Drohnenabwehr als Teil des „Eastern Shield“. Auslöser waren Drohnen-Zwischenfälle im polnischen Luftraum.

Entlang seiner Ostgrenze treibt Polen den Aufbau einer umfassenden Drohnenabwehr voran. Im Zentrum steht das neue „Sun”-System, das ab 2026 schrittweise in Dienst gehen soll: Die ersten Batterien sollen schon im kommenden Jahr operationell verfügbar sein, voll einsatzbereit soll das System 2027 sein. Als integraler Bestandteil des sogenannten „Eastern Shield” ist es darauf ausgelegt, Drohnen jeder Art zu erkennen und zu neutralisieren – auch unbemannte Kamikaze-Luftfahrzeuge (Kamikaze-UAVs).
Geschätzt wird das Vorhaben auf mehr als zwei Milliarden Euro. Finanziert werden soll es zu einem Großteil aus europäischen Mitteln, vor allem aus dem SAFE-Programm (Security Action for Europe), dazu kommen Mittel aus dem nationalen Haushalt. Nach Angaben von Polens stellvertretendem Verteidigungsminister Cezary Tomczyk könnten erste Fähigkeiten bereits binnen sechs Monaten bereitstehen; für den vollständigen Ausbau rechnet er mit rund 24 Monaten.
Zwischenfälle im Herbst als Auslöser
Beschleunigt wurden die Planungen durch mehrere Vorfälle im Herbst, bei denen Drohnen – mutmaßlich russische – in den polnischen Luftraum eingedrungen waren. Flughäfen mussten daraufhin unter anderem vorübergehend schließen, Kampfjets stiegen zu Alarmstarts auf, am Boden entstanden Schäden. Außenminister Radosław Sikorski wertete die Vorfälle als gezielte Provokationen Moskaus: Damit solle Polens Reaktionsfähigkeit getestet werden, ohne eine offene militärische Eskalation auszulösen.
Mehrschichtige Drohnenabwehr von Maschinenwaffe bis Störsender
Eingebunden werden soll das neue Konzept in die bestehenden Verteidigungslinien, die vor rund zehn Jahren entstanden sind. Geplant ist ein mehrschichtiger Ansatz: Er reicht von leichten und schweren Maschinenwaffen über Kanonen und Lenkflugkörper bis zu elektronischen Störsystemen. Laut Tomczyk sind einige dieser Mittel ausdrücklich für den Krisen- oder Kriegsfall gedacht und im Friedensbetrieb nur eingeschränkt nutzbar.
Neben dem Schirm gegen Drohnen baut Polen auch die physischen Befestigungen an seinen Landgrenzen zu Belarus und zur russischen Exklave Kaliningrad aus. Teil des „Eastern Shield” sind außerdem spezielle Logistikhubs in jeder Grenzgemeinde. Dort wird Sperr- und Sicherungsmaterial eingelagert, damit im Ernstfall binnen weniger Stunden reagiert werden kann.
4,7 Prozent des BIP für die Verteidigung
Seit fast vier Jahren führt Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine – vor diesem Hintergrund hat Warschau seine Verteidigungsanstrengungen massiv ausgeweitet. Zuletzt häuften sich Sabotageakte und Brandstiftungen, die von polnischen Sicherheitsdiensten russischen Nachrichtendiensten zugeschrieben werden. Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger sollen zudem grundlegende Überlebens- und Verteidigungsfähigkeiten erlernen, flankiert von freiwilligen Angeboten zur militärischen Ausbildung.
Mit rund 4,7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung gehört Polen inzwischen zu den EU-Ländern mit den höchsten Verteidigungsausgaben. Die Ukraine wende derzeit rund 40 Prozent ihres BIP für den Krieg auf, gab Tomczyk zu bedenken. Entscheidend sei deshalb, ob Europa bereit sei, früh mehr zu investieren – oder ob es später zu einem deutlich höheren Preis reagieren müsse.
Solange die Ukraine Russland bindet, sieht die polnische Regierung derzeit zwar keinen unmittelbar bevorstehenden konventionellen Krieg in Europa. Auf hybride Bedrohungen, Provokationen und Sabotage müsse man sich aber einstellen. Siegte Russland in der Ukraine, könnten laut Tomczyk hingegen rasch neue sicherheitspolitische Risiken für ganz Europa entstehen.
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