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Unmanned Systems / Aerial Drones

Abfangdrohnen vorn: Ukraine bestellt über Brave1 Market mehr als 590.000 Drohnen

Erstmals führen Abfangdrohnen die Bestellstatistik der ukrainischen Streitkräfte an, noch vor FPV-Kampfdrohnen. Dahinter steht ein Beschaffungsmodell, das Einsatzerfolge in Punkte umrechnet und inzwischen auch Airbus Defence and Space und Kanada anzieht.

Abfangdrohnen überholen FPV-Systeme
© Ukraine MoD

Über die staatliche Beschaffungsplattform Brave1 Market sind seit Jahresbeginn mehr als 590.000 Drohnen von den ukrainischen Streitkräften bestellt worden – und zum ersten Mal stehen Abfangdrohnen dabei vor den klassischen Kampfdrohnen mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View). An den Zahlen lässt sich ablesen, wie sehr sich die Anforderungen auf dem Gefechtsfeld wandeln und wie die Ukraine ihre Beschaffung darauf abstimmt.

Laut Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums gingen zwischen Jänner und September 2026 von militärischen Einheiten Bestellungen über mehr als 590.000 unbemannte Luftfahrzeuge (UAV) bei Brave1 Market ein. Seit Jahresbeginn ist der durchschnittliche Bestellwert pro Monat auf mehr als das Doppelte gestiegen.

Deutlich verschoben haben sich vor allem die gefragten Drohnentypen. Die größte Bestellkategorie stellen inzwischen Abfangdrohnen, an zweiter Stelle folgen FPV-Kamikazedrohnen mit Multikopterantrieb.

Warum Abfangdrohnen wichtiger werden

Grund dafür ist, dass russische Aufklärungs- und Angriffsdrohnen eine immer größere Bedrohung darstellen. Verstärkt greift die Ukraine daher auf spezialisierte Abfangsysteme zurück, mit denen sich gegnerische Drohnen möglichst günstig bekämpfen lassen sollen.

Unterschieden werden im ukrainischen Verteidigungsministerium dabei zwei Gruppen: Abfangdrohnen gegen russische Aufklärungs-UAV und Systeme, die eigens für den Kampf gegen Shahed-Angriffsdrohnen entwickelt wurden.

Die zweite Gruppe wird noch wichtiger, seit Russland auch schnellere Shahed-Varianten mit Strahlantrieb verwendet. Präsident Wolodymyr Selenskyj meldete am 15. September, eine neue ukrainische Abfangdrohne sei gegen diese Bedrohung erfolgreich getestet worden. Zugleich hob er hervor, dass es weiterer technischer Verbesserungen bedürfe.

Dynamisch entwickeln sich auch die übrigen Drohnenkategorien. Am stärksten wuchsen die Bestellungen bei Kamikazedrohnen mit Starrflügeln, deren Nachfrage in der Spitze das Sechsfache des Niveaus zu Jahresbeginn erreichte.

Gemessen am gesamten Bestellwert lagen dagegen Bomberdrohnen vorn. Zu den teuersten Kategorien zählten sogenannte Mutterschiff-Drohnen, die kleinere UAV mitführen und einsetzen können.

Punkte für Einsatzerfolge

Brave1 Market ist an das ukrainische ePoints-System gekoppelt – eine Besonderheit der Plattform. Militärische Einheiten sammeln dort für nachgewiesene Einsatzerfolge Punkte, mit denen sie später neue Ausrüstung beschaffen können.

In die Bewertung fließen etwa bestätigte Treffer auf feindliche Ziele und Aufklärungsmissionen ein, ebenso Einsätze unbemannter Landfahrzeuge (UGV) für Logistik und die Evakuierung Verwundeter.

Eintauschen lassen sich die Punkte über Brave1 Market gegen Drohnen, UGV und Systeme der elektronischen Kampfführung.

Der Ansatz der Ukraine ist damit ungewöhnlich: Wer als Einheit besonders erfolgreich operiert, bekommt mehr Spielraum bei der Beschaffung neuer Ausrüstung. Die Hersteller wiederum erfahren, wie ihre Produkte tatsächlich eingesetzt werden – beispielsweise, welche Systeme besonders oft zum Einsatz kommen und wie viele Missionen sie fliegen.

Zusätzlich zur Beschaffung per Punkte steht den Einheiten auch der Weg über eigene Mittel offen. Nur auf diesem Weg sind derzeit Drohnen bestellbar, die individuell konfiguriert werden.

Milliardenvolumen, schnellere Lieferung

Wirtschaftlich hat das System erhebliches Gewicht. Schon im Juni gab das ukrainische Verteidigungsministerium an, dass mehr als 400 militärische Einheiten am überarbeiteten ePoints-Programm teilnehmen.

In weniger als einem Jahr kam bei ihren Bestellungen Ausrüstung im Wert von mehr als 33 Milliarden Hrywnja (rund 656 Millionen Euro) zusammen.

Mit mehr als fünf Milliarden Hrywnja (rund 99 Millionen Euro) wurde allein im Juni der bis dahin höchste Monatswert seit dem Start des Programms erreicht.

Zugleich gelang es, die Lieferzeiten zu verkürzen. Wie das Ministerium angibt, dauert die Lieferung lagernder Produkte im Schnitt nur noch acht Tage, nach zuvor zehn bis 14 Tagen.

Das ukrainische Modell findet Nachahmer

Dass Kampferfahrungen, Beschaffung und industrielle Entwicklung hier miteinander verbunden werden, weckt inzwischen auch international Interesse.

Als erster westlicher Industriepartner stieg im Juli 2026 Airbus Defence and Space bei der Plattform ein. Kanada nimmt sich beim Aufbau eines eigenen militärischen Drohnenmarktplatzes ebenfalls das ukrainische Brave1-Modell zum Vorbild.

Zwei Dinge belegen die aktuellen Bestellzahlen somit: Der Bedarf an unbemannten Systemen steigt weiterhin rasant, und auf dem Gefechtsfeld rücken spezialisierte Abfangsysteme gegenüber offensiven FPV-Drohnen immer stärker in den Vordergrund.

Als Antwort darauf hat die Ukraine ein Beschaffungsmodell geschaffen, in dem Einsatzdaten, Nachfrage und industrielle Fertigung enger zusammenhängen – mit dem Ziel kürzerer Entwicklungs- und Lieferzyklen.

Fotocredits

© Ukraine MoD
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