Drohnenkrieg als Punktespiel: Ukraine belohnt Treffer auf russische Soldaten mit Punkten
Wer per Video einen Drohnentreffer belegt, sammelt Punkte und tauscht sie im „Brave 1 Market“ gegen Ausrüstung. Das Bonussystem im ukrainischen Drohnenkrieg wird laufend nachjustiert – mit messbaren Folgen an der Front.

Mit einem Anreizsystem, das stark an Videospiel-Mechaniken erinnert, belohnt das ukrainische Militär im Drohnenkrieg nun militärische Leistungen. Seit Kurzem erhalten Einheiten und Soldaten Punkte, wenn sie per hochgeladenem Video belegen, dass ihre Drohnen russische Ziele getroffen haben.
Eingelöst werden können die Punkte danach auf einem neu eingerichteten Marktplatz namens „Brave 1 Market”, und zwar gegen neue Ausrüstung.

„,Brave 1 Market’ wird wie Amazon für das Militär sein. Er wird es Militäreinheiten ermöglichen, Technologien, die sie an der Kriegsfront benötigen, direkt zu kaufen”,
so Mykhailo Fedorov, stellvertretender Premierminister und Minister für digitale Transformation der Ukraine – und verantwortlich für das „Army of Drones Bonus”-System.

Wichtig ist dabei: Die reguläre Versorgung der Truppe ersetzt „Brave 1 Market” nicht. Der Marktplatz ergänzt sie lediglich – Einheiten können dort bestellen, was sie gerade brauchen und womit sie ihre Einsätze nach eigener Einschätzung wirksamer führen können. Zugesagt wird eine Lieferung binnen einer Woche.

Derzeit testet die Regierung in Kiew das Motivationssystem und verfolgt, wie sich veränderte Punktwerte auf dem Gefechtsfeld auswirken. Fedorov nennt ein Beispiel: „Wir haben beispielsweise die Anzahl der Punkte für die Eliminierung von Infanterie von zwei auf sechs erhöht – dadurch hat sich die Zahl der vernichteten Feinde innerhalb eines Monats verdoppelt”.
Hochgeladen werden die Videos über eine Schnittstelle im militärischen Kommunikations- und Lageerfassungssystem Delta der Ukraine. Punkte gibt es erst, nachdem eine übergeordnete Stelle den Treffer gründlich geprüft und bestätigt hat.
An der Spitze liegt derzeit – wenig überraschend – die Einheit Birds of Magyar, die bis Ende April 16.298 Punkte gesammelt hat.

Punktetabelle im Drohnenkrieg
So bewertet die aktuelle Tabelle erfolgreiche Treffer:
- getöteter russischer Soldat: 6 Punkte
- beschädigter Panzer: 20 Punkte
- zerstörter Panzer: 40 Punkte
- zerstörtes mobiles Raketensystem: bis zu 50 Punkte
- zerstörtes hochwertiges Flugabwehrsystem: 80 Punkte

Im Gegenzug lässt sich unter anderem Folgendes erwerben:
- kleine 7-Zoll-Drohne mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View): 2 Punkte
- FPV-Drohne mit Nachtsicht: 6 Punkte
- schwere Baba Jaga-Bomberdrohne: 43 Punkte
Öffentlich einsehbare Punktwerte gibt es auf dem „Brave 1 Market” bisher nicht. Aus den Drohnenpreisen lässt sich ein Punkt aber auf etwa 115 bis 120 Euro taxieren. Nüchtern gerechnet bringt ein getöteter russischer Soldat damit neues Material im Wert von rund 700 Euro.

Wie weit dieses Material reicht, zeigen Zahlen von Major Robert Brovdy, Kommandant der Birds of Magyar. Im März verlor seine Einheit 52 Baba Jaga-Bomberdrohnen, die im Schnitt 69 Einsätze überstanden, bevor sie abgeschossen wurden. Hinzu kamen 228 verlorene Mavic-Aufklärungsdrohnen nach durchschnittlich 45 Einsätzen pro Stück. Verbraucht wurden außerdem 7.874 FPV-Drohnen.

Für April melden die Birds of Magyar zuletzt: 1.804 russische Soldaten getroffen, 1.041 davon getötet; 93 Panzer getroffen, 18 davon zerstört; 21 Feldraketenwerfer getroffen, 8 davon zerstört; 22 Selbstfahrlafetten getroffen, 6 davon zerstört. In Summe stehen 5.840 getroffene Ziele auf der Liste, von denen demnach 2.001 auch zerstört wurden.
In einem aktuellen Video sagt Magyar dazu: „Es gibt viele Zahlen, aber sie sind wichtig”. Und weiter: „Wir haben einen langen und harten Kampf vor uns.”
Nachwort des Autors: Dieser Text berichtet über den Krieg in der Ukraine. Eine moralische oder ethische Bewertung nehme ich bewusst nicht vor; sie bleibt jeder Leserin und jedem Leser überlassen.
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