Abfangdrohne statt Rakete: Ukrainisches „Dronopad“ soll 1.000 russische Aufklärungsdrohnen abschießen
Mit Pickup, Starlink und angepassten FPV-Drohnen jagen mobile „Deckungsgruppen“ russische Aufklärungsdrohnen. Das „Dronopad“-Projekt ist nur der erste Schritt: Als Nächstes plant die Ukraine eine Abfangdrohne mit Starrflügel und eine gegen die Geran.

Ukrainische Piloten, die Drohnen mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View) steuern, haben bereits erfolgreich Jagd auf russische Aufklärungsdrohnen gemacht. An diesen offenbar gelungenen Feldversuch dürfte das neue „Dronopad”-Projekt nun anknüpfen – mit einem erklärten und nicht gerade bescheidenen Ziel: 1.000 russische Aufklärungsdrohnen sollen abgeschossen werden. Statt Millionen Euro teurer Flugabwehrraketen kommt dabei die FPV-Drohne als Abfangdrohne zum Einsatz, geführt von speziellen, mobilen FPV Gruppen.
„Deckungsgruppen” heißen diese „Dronopad”-Einheiten. Für ihre komplexe Aufgabe erhalten sie eine breite Palette an Ausrüstung: Kern ist ein Pickup als mobile Einsatzbasis, hinzu kommen Kommunikationsmittel vom Funkgerät bis zum Starlink-Terminal, ein Generator für die Stromversorgung und FPV-Drohnen, die eigens für diesen Einsatz angepasst wurden.
Hebt ein Trägersystem die FPV-Drohnen in die Höhe?
Offiziell erwähnt wird es nicht, doch die vorliegenden kurzen Videos lassen ein fliegendes Trägersystem für die FPV-Drohnen durchaus vermuten. Auffällig ist nämlich, dass nahezu alle Abfang-Videos eine FPV-Drohne im Sturzflug zeigen, die aus teils deutlich überhöhter Position auf eine bereits hoch fliegende Aufklärungsdrohne herabstößt. Am naheliegendsten ließe sich dieser Eindruck mit einem Trägersystem erklären.
Offen bleibt auch, wie die russischen Aufklärungsdrohnen erfasst und verfolgt werden. Naheliegend ist natürlich das Einpeilen, sobald sie zu senden beginnen. Denkbar sind aber ebenso Lösungen mit optischer Erfassung im sichtbaren und/oder Infrarot-Band – und natürlich Radar.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das derzeit jüngste Video: Es zeigt einen nächtlichen Abfangeinsatz, bei dem die FPV-Drohne eine IR-Kamera trägt. Ein solches Szenario verlangt bereits ein beachtliches Zusammenspiel von Mitteln, die nicht mehr ganz so simpel sind.
Die meisten Abschüsse bisher meldet eine Angriffsdrohnenkompanie des Signum Batallions der 93. mechanisierten Brigade. Stationiert ist der Verband rund 15 Kilometer südwestlich von Bachmut. Die Stadt stand von August 2022 bis Mai 2023 im Fokus der Kämpfe und wird seit Mai des vergangenen Jahres völlig zerstört von russischen Verbänden gehalten.
Weitere 45 Kilometer südwestlich dieser Position verläuft der Frontbogen, der sich seit Beginn der russischen Großoffensive auf Awdijiwka im Oktober 2023 und der Einnahme der Stadt im Februar 2024 gebildet hat. In diesem hart umkämpften Raum hat die genannte Drohnenkompanie nach eigenen Angaben binnen kurzer Zeit 49 russische Aufklärungsdrohnen abgefangen.
Drei Schritte bis zur Abfangdrohne gegen die Geran
Für die Regierung in Kiew kann die Bedeutung dieser Entwicklung kaum überschätzt werden. Mit dem Abfangen der Aufklärungsdrohnen ist der erste von drei geplanten Schritten im Drohnenkrieg erreicht, an denen die Ukraine mit Hochdruck arbeitet.
Schritt zwei, ebenfalls bereits in Umsetzung, ist eine Abfangdrohne mit Starrflügel: Sie soll russischen Drohnen in mehreren Kilometern Höhe bei Bedarf bis zu 60 Kilometer weit folgen und sie zerstören können. Der Einsatzradius der „Dronopad”-Deckungsgruppen würde dadurch dramatisch wachsen.
Am wichtigsten ist der dritte Schritt, da er für den Schutz der kritischen Infrastruktur immense Bedeutung hat: eine Abfangdrohne, die Russlands Langstreckendrohnen vom Typ Geran (Kopie der iranischen Shahed) vernichten soll. Gefordert sind mindestens 200 km/h Geschwindigkeit und eine Reichweite von mindestens 200, besser noch 500 Kilometern. Zudem soll sie deutlich günstiger und besser verfügbar sein als Flugabwehr-Raketen.
In den ersten beiden Kriegsjahren waren Luftkämpfe zwischen Drohnen eher vereinzelt und ungeplant, deswegen aber nicht minder bemerkenswert. Mit dem neuen Projekt dürften sie zusehends systematisiert werden. Das Konzept scheint jedenfalls geeignet, großflächig ausgerollt zu werden und auf dem gesamten Gefechtsfeld eine wichtige Rolle zu spielen.
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