Rüstungsbeschaffung: Schweizer Rüstungschef Urs Loher fordert Umdenken – „entlang der ganzen Kette zu langsam“
Taktiken ändern sich in Wochen, Beschaffungsprogramme brauchen Jahre: Beim ersten Sicherheitsforum Drohnen Schweiz in Thun begründete Rüstungschef Urs Loher, warum die Rüstungsbeschaffung neue Modelle braucht – und welche Rolle das Projekt „Eiger“ spielen soll.

Während sich die Kriegsführung binnen Wochen wandelt, ziehen sich Rüstungsbeschaffungen über Jahre. Diese Kluft zählt aus Sicht von Urs Loher, dem Schweizer Rüstungschef, zu den größten Herausforderungen für die Verteidigungsfähigkeit des Landes. Am 19. Oktober verlangte er deshalb beim ersten Sicherheitsforum Drohnen Schweiz in Thun ein grundlegendes Umdenken. Damit lag er auf einer Linie mit Benedikt Roos, Korpskommandant der Schweizer Armee, der zuvor mehr Tempo und weniger Bürokratie eingemahnt hatte.
Loher räumte ein: „Mir ist bewusst, dass wir in vielen Bereichen zu langsam sind”. Seiner Ansicht nach setzt das Problem aber lange vor der eigentlichen Beschaffung an – schon bei der Frage, auf welche Art von Kriegsführung sich die Schweizer Armee überhaupt einstellen müsse.

Im Kern argumentierte er, dass eine Armee im normalen Friedensbetrieb das Tempo, das ein Krieg erzwingt, kaum erreichen werde. Umso mehr komme es darauf an, schon heute die Grundlagen dafür zu legen, im Ernstfall schnell reagieren zu können.
Drei Tempi, ein Problem
Moderne Kriegsführung kennt laut Loher unterschiedliche Innovationszyklen: Taktiken und Gegenmaßnahmen wandeln sich auf dem Gefechtsfeld binnen weniger Wochen, Technologien entwickeln sich über Monate weiter, politische Entscheidungen, Finanzierungen und Beschaffungsprogramme dagegen beanspruchen oft Jahre.
Am deutlichsten zeige sich das im Ukraine-Krieg. Zu Kriegsbeginn sei auf eine neue Technologie mitunter erst nach Monaten eine wirksame Gegenmaßnahme gefolgt; mittlerweile seien diese Zyklen zum Teil auf nur noch ein bis zwei Wochen geschrumpft.
Klassische Rüstungsprojekte stelle das vor eine fundamentale Herausforderung. Loher führte dazu das Schweizer Aufklärungsdrohnensystem ADS 15 an: Begonnen wurde das Projekt schon 2008, abgeschlossen sein sollte es ursprünglich 2020. Mittlerweile zieht sich das Vorhaben über fast zwei Jahrzehnte.
Pauschale Kritik an der Projektführung wollte Loher daraus ausdrücklich nicht ableiten. Zu den Verzögerungen hätten technische Risiken, geänderte Anforderungen und äußere Umstände beigetragen. Das Beispiel belege aber, dass sich herkömmliche Beschaffungsmodelle nicht für jede Technologie eignen.
„Vielleicht fehlt uns die Vorstellungskraft“: Kritik an der militärischen Denkweise
Bemerkenswert war vor allem, wie Loher die militärische Denkweise kritisierte: Oft werde neue Technologie bloß in vorhandene Organisationsstrukturen eingefügt, anstatt diese Strukturen selbst zu hinterfragen. Er brachte das Problem so auf den Punkt: „Wir nehmen eine Drohne und suchen dafür einen Platz in einem Organigramm”.
Fragen müsse man stattdessen, wie eine militärische Organisation aussehen sollte, in der Drohnen, Software und Menschen von Anfang an zusammen gedacht werden.
„Vielleicht ist unser größter Nachholbedarf gar nicht in der Drohnentechnik, sondern in der Kreativität, mit der wir ihre Folgen ernst nehmen.“
Urs Loher, Rüstungschef Schweiz
In diesem Zusammenhang umriss Loher sechs mögliche Entwicklungen der Kriegsführung:
- Kommunikations- und Führungsstrukturen, die gestört werden
- Front und Hinterland, deren klare Grenzen sich zunehmend auflösen
- ein Gefechtsfeld, das transparent ist
- kostengünstige Systeme, die wieder in großen Stückzahlen auftreten
- Softwarezyklen, die immer kürzer werden
- das Zusammenwirken unterschiedlichster Fähigkeiten, das an Bedeutung gewinnt
Entscheidend werde zudem sein, wie widerstandsfähig militärische Führung ist. Auch bei ausgefallenen Kommunikationsnetzen, widersprüchlichen Informationen und nicht mehr funktionierenden gewohnten Führungsverfahren müssten Streitkräfte handlungsfähig bleiben.
Rüstungsbeschaffung je nach Technologie unterscheiden
Der Rüstungschef sprach sich daher dafür aus, die Beschaffungsverfahren nach Technologie zu differenzieren. Software oder schnell veränderliche Drohnensysteme ließen sich nicht nach derselben zeitlichen Logik behandeln wie ein Kampfflugzeug oder ein Infrastrukturprojekt.

Ebenso entscheidend sei es, neue Fähigkeiten nicht bloß zu beschaffen, sondern tatsächlich in Ausbildung, Einsatzverfahren und Logistik einzubinden. Nötig seien dafür mehr Erprobungen, offene Schnittstellen sowie die Bereitschaft, Fehlschläge hinzunehmen. Unter Umständen sei ein Fehler, der früh erkannt wird, mehr wert als eine Erkenntnis am Ende jahrelanger Entwicklung.
Zugleich stellte Loher klar, dass sich die geltenden Verfahren nicht einfach abschaffen ließen. Auf demokratische Kontrolle, Rechtssicherheit und einen verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Mitteln könne man nicht verzichten. Vielmehr gehe es darum, schon in Friedenszeiten die Handlungsspielräume zu schaffen, die im Ernstfall rasche Entscheidungen erlauben.
Projekt „Eiger“ als Hebel für den Wandel
Dem Projekt „Eiger“ kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Schweizer Armee, Armasuisse, Industrie und Forschung sollen damit deutlich intensiver zusammenarbeiten. Loher plädierte für ein leistungsfähiges Rüstungsökosystem, in dem Entwicklung, Software, Sensorik, sichere Kommunikation, Produktion, Erprobung und Ausbildung ineinandergreifen.
Nicht jede Komponente müsse aus der Schweiz selbst stammen. Es komme vielmehr auf eigene Schlüsselkompetenzen in Software, Daten, Schnittstellen und industrieller Skalierung an. Die Industrie wiederum brauche verlässliche Perspektiven, passende Testmöglichkeiten und Beschaffungsmodelle, die eine laufende Weiterentwicklung erlauben.
Vorbereiten statt hektisch improvisieren
Zum Schluss griff Loher seine Ausgangsfrage wieder auf: Kann die Schweiz beim Tempo moderner Kriegsführung mithalten? Er antwortete differenziert. Möglicherweise entstehe die volle Geschwindigkeit eines Krieges erst, wenn eine tatsächliche Krise Druck erzeugt. Darauf verlassen dürfe sich die Schweiz aber nicht.
Denn selbst unter größtem Zeitdruck lasse sich für fehlende Produktionskapazitäten, unzureichend ausgebildetes Personal oder nicht erprobte Verfahren kurzfristig kein Ersatz schaffen.
„Wir werden im Ernstfall improvisieren müssen. Ob daraus Handlungsfähigkeit wird oder bloß hektisches Durchwursteln, entscheidet sich meines Erachtens bereits heute.“
Urs Loher, Rüstungschef Schweiz
Eindeutig fiel damit Lohers Botschaft aus: Schneller zu beschaffen allein reicht für die Schweizer Armee nicht. Vor allem muss sie lernen, künftige Konflikte anders zu denken, neue Technologien zügiger in militärische Fähigkeiten zu übersetzen und schon jetzt die Voraussetzungen für jenes Tempo zu schaffen, das im Ernstfall über ihre Handlungsfähigkeit entscheiden könnte.
Fotocredits
© Unmanned Magazine/ZachariasWeiterlesen

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