Flugabwehr unter Druck: Lassen sich Sättigungsangriffe noch beherrschen?
THAAD, Patriot, Abfangdrohnen: Überall stößt die Flugabwehr an die Grenzen ihrer Bestände, während Russland mit billigen Molniya-Drohnen auf Masse setzt. Offen bleibt, ob die Verteidiger die Mengen- und Kostenasymmetrie je umkehren können.

Für die Flugabwehr gilt eine einfache Rechnung: Jedes Fliegerabwehrsystem verfügt über eine bestimmte Magazintiefe, ist sie erschöpft, muss nachgeladen werden. Angenommen sei eine Mittelstrecken-Flugabwehrbatterie mit sechs Werfern, auf denen jeweils acht Raketen liegen. Spätestens nach 48 Schuss ist dann erst einmal „Schluss” – es folgt das Nachladen, und das braucht Zeit.
Dasselbe Prinzip trifft auf ganze Streitkräfte zu: Auch sie haben nur eine begrenzte Zahl an Flugabwehrmitteln zur Verfügung. Interceptoren kosten pro Stück mehrere Millionen Euro, weshalb selbst finanzstarke Armeen sie nicht in beliebiger Menge lagern. Rasch beliebig große Stückzahlen nachzuliefern, vermag auch die Industrie nicht.
THAAD: Mehr Produktion, schneller Verbrauch
Am 29. Jänner gab Lockheed Martin einen Rahmenvertrag mit dem Pentagon bekannt, der die Produktion des THAAD Interceptors vervierfachen soll. Von der teuren Rakete sollen künftig 400 statt bisher 96 Stück pro Jahr gefertigt werden.
Dem steht ein Bericht von CNN vom 21. April gegenüber: Demnach haben die US-Streitkräfte in gerade einmal sieben Wochen Krieg gegen den Iran „mindestens die Hälfte” ihres THAAD-Raketenbestandes verbraucht. Übrig sein sollen bestenfalls rund 300 Raketen. In weniger als zwei Monaten wurde also verschossen, was in drei Jahren produziert wird.
Selbst nach der angekündigten Vervierfachung würde die Produktion eines Jahres nur für zwei Monate Gefecht genügen – und das auch nur, wenn sämtliche Raketen im eigenen Bestand bleiben und die Exportkunden Saudi Arabien und Vereinigte Arabische Emirate nichts erhalten.

Patriot-Raketen: Nachfrage weit über dem Angebot
Genau mit diesem Problem ist derzeit die Schweiz konfrontiert. Im Jahr 2022 hat sie fünf Patriot-Systeme bestellt, ein Liefertermin ist aber völlig offen: Die USA als Lieferant können oder wollen der Schweizer Regierung dazu keine Antwort geben. Das Angebot liegt weit unter der Nachfrage.
Insgesamt acht Patriot-Systeme hat die Ukraine aus Deutschland, den USA, den Niederlanden und Rumänien bekommen. Doch auch für diese acht Systeme gehen beziehungsweise gingen die Raketen bereits zur Neige. Offenbar reicht die Fertigung von Patriot-Raketen nicht einmal aus, um allein den Bedarf der Ukraine zu decken. Eine baldige Änderung ist derzeit nicht zu erwarten.
Im Jahr 2025 liefen bei Lockheed Martin 620 Patriot-Raketen vom Band, künftig sollen es 2.000 sein. Außer den USA betreiben oder bestellten sechzehn weitere Länder Patriot-Systeme. In den USA wird befürchtet, dass es bis zu sechs Jahre dauern könnte, die in nur wenigen Wochen gegen den Iran verschossenen Bestände wieder aufzufüllen.

Ukrainische Flugabwehr: Rohrwaffen und Abfangdrohnen
Weil Flugabwehrraketen aller Klassen – von MANPADS bis zur erwähnten Patriot – teuer und knapp sind, setzt die Ukraine mobile Verbände mit Rohrwaffen unterschiedlicher Kaliber ein. Darüber hinaus wurden Abfangdrohnen entwickelt, die Ziele in Höhen bis etwa drei Kilometer und bei Geschwindigkeiten bis rund 200 km/h abfangen können. Ins Visier nehmen sie neben den bekannten Langstrecken-Kamikazedrohnen Shahed, Geran-2 und Gerbera auch Aufklärungs- und Angriffsdrohnen an der Frontlinie. Nach ukrainischen Angaben werden täglich rund 1.000 Abfangdrohnen produziert, eine Ausweitung auf bis zu 2.000 Stück pro Tag ist möglich.
Dass Russland die Überforderung zumindest versucht, auch auf dieser unteren Ebene, zeigt seine jüngste Strategie. Teure Angriffsdrohnen wie die Lanzet Loitering Munition kommen immer seltener zum Einsatz. Stark steigt dagegen die Zahl der billigen Molniya Drohnen, die aus Aluminium und Sperrholz gebaut sind.
Mit Massenangriffen mit Molniya-Drohnen versucht Russland die ukrainischen Flugabwehrdrohnen-Einheiten zu überlasten.
Video der 34. Marineinfanteriebrigade und des Signum Bataillons der letzten Tage.#WarOfDrones pic.twitter.com/jllWqA0XrT— Martin Rosenkranz🇦🇹🇪🇺🇺🇳🇺🇦🇮🇱 (@MartinRosenkra3) April 25, 2026
Sherhii Flash schreibt dazu: „Mit einem noch größeren Strom von ‚Molniya’ versucht der Feind, unsere Besatzungen von Flugabwehrdrohnen zu überfordern”. Allein das ukrainische Signum Bataillon hat in den vergangenen beiden Tagen 50 Molnija-Drohnen abgefangen.
In den USA ist vom Golden Dome die Rede, in Europa von Sky Shield. Zunehmend drängt sich dabei die Frage auf, ob die Verteidiger des Luftraums bei der Asymmetrie von Mengen und Kosten im Luftkrieg überhaupt jemals die Oberhand gewinnen können. Nach heutigem Stand ist zu bezweifeln, dass die Flugabwehr in länger andauernden Konflikten durchhalten kann.
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© Lockheed Martin · © JSDFWeiterlesen

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