Drohnenökosystem: Erstes Drohnenforum Schweiz in Thun verlangt mehr Tempo und weniger Bürokratie
Wie lassen sich technologische Innovationen rascher in militärische Fähigkeiten übersetzen? Beim ersten Drohnenforum Schweiz in Thun ging es um den Aufbau eines Drohnenökosystems, um neue Kooperationsmodelle – und um deutliche Worte von Armeechef Roos und Rüstungschef Loher.

Auf dem Waffenplatz Thun versammelten sich am 19. Oktober über 300 Vertreter von Armee, Industrie, Forschung, Verwaltung und Politik – Anlass war das erste Drohnenforum Schweiz. Diskutiert wurde vor allem, wie ein leistungsfähiges Schweizer Drohnenökosystem entstehen kann, welche Kooperationsmodelle es dafür braucht und auf welchem Weg technologische Innovationen schneller zu militärischen Fähigkeiten werden. Deutliche Worte kamen bereits zum Auftakt von zwei der prominentesten Redner: Armeechef Benedikt Roos und Rüstungschef Urs Loher.

Hinter der Premiere stand die Taskforce Drohnen als Organisatorin. Mit dem Forum soll die Zusammenarbeit von Streitkräften, Forschung und Wirtschaft Fahrt aufnehmen, zugleich soll es der künftigen Verteidigungsfähigkeit der Schweiz konkrete Impulse geben.
Die Eröffnung übernahm Thomas Rothacher, der als stellvertretender Rüstungschef bei Armasuisse den Kompetenzbereich Wissenschaft und Technologie leitet.
Armeechef Roos verlangt einen Kulturwandel
Milliarden fließen bei der Schweizer Armee in Drohnen und Drohnenabwehr, ein eigenes Drohnenbataillon ist geplant, neue Strukturen entstehen. Neue Systeme und zusätzliches Geld allein genügen Armeechef Korpskommandant Benedikt Roos aber nicht. Er verlangte, Perfektionismus und Bürokratie zurückzufahren und militärische Fähigkeiten vor allem rascher zu entwickeln und einzuführen.
Sein Appell lautete: „Irgendwann haben wir genug Bücher geschrieben, jetzt müssen wir endlich Dinge tun“. Schon 2028 soll das eigene Drohnenbataillon aufgestellt werden, für das Frühjahr 2027 ist die erste Rekrutenschule dafür vorgesehen. Für Drohnenabwehr und Robotik sind über die kommenden zwölf Jahre außerdem mehr als zwei Milliarden Schweizer Franken eingeplant.
„Wir sind entlang der ganzen Kette zu langsam“ – Rüstungschef Loher

Ähnlich argumentierte Rüstungschef Urs Loher, der die Schwierigkeiten jedoch nicht nur in der Beschaffung verortet, sondern im militärischen Innovationssystem insgesamt.
Auf dem Gefechtsfeld wandeln sich Taktiken und Gegenmaßnahmen mitunter binnen weniger Wochen – politische Entscheidungen, Finanzierungen und Beschaffungsprogramme nehmen dagegen oft Jahre in Anspruch.
Schnellere Verfahren allein waren für Loher daher nicht die Antwort. Er verlangte, grundlegend neu darüber nachzudenken, wie künftige Kriege geführt werden und welche Fähigkeiten man dafür braucht: „Vielleicht ist unser größter Nachholbedarf gar nicht in der Drohnentechnik, sondern in der Kreativität, mit der wir ihre Folgen ernst nehmen”.
Wie schwer sich klassische Beschaffungsverfahren tun können, illustrierte Loher am Schweizer Aufklärungsdrohnensystem ADS 15: Dessen Entwicklung und Einführung ziehen sich über fast zwei Jahrzehnte.
Was ein Drohnenökosystem außer Beschaffung braucht
Die weiteren Vorträge machten klar, dass zu einem leistungsfähigen Drohnenökosystem weit mehr gehört als militärische Beschaffung. Dominique Gruhl-Bégin, Direktorin der Schweizer Innovationsförderagentur Innosuisse, sprach darüber, welche Bedeutung resiliente und sichere Technologien für Verteidigung und Mobilität haben. Aus Sicht der Wissenschaft befasste sich Ivo Capaul vom Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich damit, was ein funktionierendes Schweizer Drohnenökosystem voraussetzt und vor welche Herausforderungen es stellt. Benjamin Wepfer von Centaurium UAS wiederum ging der Frage nach, auf welche Weise sich dessen Sicherheit konkret messen und bewerten lässt.
In einer anschließenden Podiumsdiskussion kamen diese Blickwinkel zusammen. Auf dem Podium saßen Rüstungschef Urs Loher, Divisionär Yves Gächter als Kommandant Heer der Schweizer Armee, Dominique Gruhl-Bégin, Ivo Capaul sowie Pirmin Berger von Centaurium UAS. Gesprochen wurde über aktuelle Herausforderungen, unterschiedliche Prioritäten und darüber, wie Armee, Forschung und Industrie künftig weiter zusammenarbeiten.

Tech Hub für Drohnen und Robotik geplant
Im Zentrum der künftigen Aktivitäten soll das geplante Zentrum Unbemannte Systeme VBS stehen. Dieser Tech Hub soll zusammenbringen, was die Truppe operativ benötigt, was armasuisse technologisch kann und was Hochschulen, Start-ups und etablierte Unternehmen an Know-how mitbringen.
Eng verknüpft ist das Vorhaben mit dem Projekt „Eiger”, über das unbemannte Systeme entwickelt, erprobt und rasch weiterentwickelt werden sollen.
Begleitend zu Vorträgen und Diskussionen zeigte eine Ausstellung Technologien und Dienstleistungen rund um Drohnen und Drohnenabwehr. Am Nachmittag folgten thematische Workshops, in denen sich die Teilnehmer unter anderem mit passenden Testgeländen in der Schweiz, militärischen Anforderungen, Prozessen für Beschaffung und Export sowie mit Resilienz und technologischer Abhängigkeit befassten.
Von der Diskussion in die Praxis
Beim ersten Sicherheitsforum Drohnen Schweiz zeigte sich: Technologische Kompetenz allein garantiert dem Land noch keine militärische Handlungsfähigkeit. Den Ausschlag wird geben, wie schnell neue Ideen erprobt, weiterentwickelt und produziert werden – und wie rasch sie schließlich bei der Truppe ankommen.
Aus Thun kam damit eine klare Kernaussage: Forschung und Industrie der Schweiz verfügen über erhebliche Kompetenzen. Armee, armasuisse, Politik und Unternehmen stehen nun vor der Aufgabe, diese Fähigkeiten enger zu vernetzen – und sie vor allem schneller in die Praxis zu überführen.
Fotocredits
© Unmanned Magazine/ZachariasWeiterlesen

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