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Unmanned Systems / Aerial Drones

Drohnenkrieg: Oberst Markus Reisner zieht bei der DroneVation 2026 Lehren aus der Ukraine

Todeszone, Glasfaserdrohnen, Stacheldraht und geschwächte Präzisionswaffen: In Wien skizzierte Oberst Markus Reisner, wie der Drohnenkrieg die Kriegsführung umkrempelt – und warum Streitkräfte, die nicht lernen, morgen überrascht werden.

Colonel Markus Reisner during his presentation at DroneVation & Defence 2026 in Vienna
© Unmanned Magazine/Sebastian Freiler

Ein neues Waffensystem unter vielen sind Drohnen schon lange nicht mehr. Vom einzelnen Infanteristen im Gefecht bis zur strategischen Luftkampagne verändern sie die Kriegsführung auf jeder Ebene. Welches Ausmaß der Drohnenkrieg inzwischen erreicht hat, machte Oberst Markus Reisner bei der „DroneVation 2026” in Wien deutlich. Der Ukraine-Experte, der an der Theresianischen Militärakademie die Offiziersausbildung leitet, beschrieb eindringlich ein Schlachtfeld im rasanten Wandel. Seine Kernaussage: Wer diese Entwicklung unterschätzt, verliert womöglich den Anschluss an die Realität moderner Kriegsführung.

Statt einzelne Drohnentypen technisch zu analysieren, nahm Reisner das Publikum mit auf eine Reise durch die aktuellen Konflikte – von der Ukraine (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg) über den Nahen Osten bis zu hybriden Operationen in Europa. Im Mittelpunkt stand eine These: Drohnen ergänzen bestehende Streitkräfte nicht mehr bloß, sie bestimmen immer stärker, wie Kriege geführt werden. Hinzu komme eine zweite Dimension, die häufig unterschätzt werde und nun an Gewicht gewinne – der Kampf um das elektromagnetische Spektrum.

Europa im Fadenkreuz hybrider Angriffe

Längst reicht die Wirkung von Drohnen über das Gefechtsfeld hinaus. Reisner nannte zahlreiche Vorfälle in Europa, bei denen kritische Infrastruktur, Militärbasen und Flughäfen betroffen waren. Müssen Flughäfen wegen Drohnensichtungen den Betrieb einstellen, spürten das sogar zivile Bürger. Doch es gehe um weit mehr als bloße Störungen: Die Vorfälle gehörten zu einem hybriden Konflikt, mit dem Unsicherheit geschürt und politische Entscheidungen beeinflusst werden sollen.

Am klarsten zeige sich das bei der Unterstützung der Ukraine. Mit hybriden Maßnahmen und gezielten Störungen wolle Russland den Druck auf europäische Staaten erhöhen und es zugleich erschweren, militärische Fähigkeiten in die Ukraine zu verlegen.

Luftkampagnen in beide Richtungen

Den Schwerpunkt des Vortrags bildete der Verlauf des Krieges in der Ukraine. Bereits zum vierten Mal führe Russland eine strategische Luftkampagne gegen das Land. Entscheidend sei dabei das Zusammenspiel von günstigen Angriffsdrohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen: Oft sollen die Drohnen die ukrainische Luftverteidigung sättigen und überlasten, ehe die eigentlichen Präzisionswaffen ihre Ziele treffen.

Dass die russischen Angriffe wirken, unterstrich Reisner ausdrücklich: Energieversorgung, Treibstofflager und andere kritische Infrastruktur würden regelmäßig getroffen. Im Westen werde allerdings häufig übersehen, dass auch die Ukraine inzwischen eine strategische Luftkampagne gegen Russland führe. Mit Langstreckendrohnen attackiert sie Ziele weit im russischen Hinterland und hat Teile der russischen Ölindustrie bereits erheblich beeinträchtigt.

Anpassung auf beiden Seiten

Dass die Ukraine bisher standgehalten hat, liegt laut Reisner wesentlich an ihrer Anpassungsfähigkeit. Inzwischen schießen die ukrainischen Streitkräfte einen Großteil der angreifenden Drohnen ab. Immer öfter setzen sie dafür kostengünstige Abfangdrohnen ein, die deutlich wirtschaftlicher sind als teure Flugabwehrraketen.

Allerdings lernt auch Russland dazu. Die ukrainische Verteidigung hat es zunehmend schwerer – durch neue elektronische Gegenmaßnahmen, bessere Navigationstechnologien und angepasste Taktiken. Eine immer größere Rolle spielten dabei die Unterstützung durch internationale Partner und vor allem die Bedeutung des elektromagnetischen Spektrums.

Drohnenkrieg an der Front: bis zu 50 Kilometer Todeszone

Sehr anschaulich schilderte Reisner die Lage an der Front. Zwischen den Kriegsparteien sei eine bis zu 50 Kilometer tiefe „Todeszone” entstanden, in der jede Bewegung umgehend erkannt und bekämpft werde. Schwere Panzerverbände kommen dort kaum noch voran; das Geschehen bestimmen stattdessen kleine Infanterietrupps, Motorräder und Drohnen.

Zentral sind dabei glasfasergebundene Drohnen mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View). Weil sie nicht über Funk gesteuert werden, lassen sie sich mit elektronischen Gegenmaßnahmen kaum stören. Fahrzeuge, Stellungen und Versorgungslinien weit hinter der Front können sie so präzise angreifen.

Die russischen Streitkräfte wiederum besitzen mittlerweile ein bemerkenswert detailliertes Lagebild, das bis zu 160 Kilometer hinter die ukrainischen Linien reicht. Ermöglicht wird das durch sogenannte „Hunter-Killer-Teams”: Sie verbinden Aufklärungs- und Angriffsdrohnen und können Ziele so nahezu in Echtzeit identifizieren und bekämpfen.

Totgesagte Konzepte kehren zurück

Zu Reisners überraschendsten Beobachtungen zählt, dass vermeintlich überholte Konzepte wiederkehren. Stacheldraht etwa erlebt an der Front eine Renaissance: Russische Stoßtrupps verfangen sich darin und werden danach von Drohnen bekämpft. Immer mehr erinnere die Lage an den Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs, als Maschinengewehre und Drahtverhaue den Bewegungskrieg zum Stillstand brachten.

Zum Alltag auf dem Schlachtfeld gehören inzwischen auch improvisierte Schutzaufbauten auf Fahrzeugen, Motorräder für Angriffsoperationen und eigene Tarnsysteme gegen Wärmebildsensoren. Was zunächst improvisiert aussieht, ist häufig das Resultat eines brutalen Anpassungsprozesses unter echten Kampfbedingungen.

Westliche Präzisionswaffen unter Druck

Besonders alarmierend war Reisners Einschätzung zu westlichen Präzisionswaffen. Unter den russischen Fähigkeiten zur elektronischen Kampfführung litten Systeme wie HIMARS, JDAM-ER, Storm Shadow oder Excalibur immer stärker. Als Beispiel führte er die Präzisionsgranate Excalibur an: Unter bestimmten Bedingungen sei deren Trefferwahrscheinlichkeit dramatisch gesunken.

Technologische Überlegenheit allein garantiere somit keinen Erfolg mehr, wie der Krieg zeige. Immer entscheidender werde, ob man sich an die Gegenmaßnahmen des Gegners anpassen und Innovationen rasch zur Truppe bringen kann.

Ein Blick nach vorn – und zurück

Am Ende seines Vortrags richtete Reisner den Blick in die Zukunft. Er präsentierte Konzepte, bei denen Ballone Drohnen über große Entfernungen tragen und diese erst im Zielgebiet aktiviert werden. Das mag futuristisch klingen, hat aber historische Vorläufer – von österreichischen Bombenballons im Jahr 1849 bis zu Ballonprojekten Großbritanniens und Japans im Zweiten Weltkrieg.

Im Kern lautete seine Botschaft jedoch: Für Innovation gibt es keine Grenzen. Drohnentechnologien und Gegenmaßnahmen entwickeln sich so schnell, dass Streitkräfte auf der ganzen Welt ihre bisherigen Annahmen hinterfragen müssen. Wer heute nicht lernt, den wird das Schlachtfeld morgen überraschen.

Reisners Fazit fällt deshalb eindeutig aus: Der Drohnenkrieg der Zukunft ist keine Vision mehr – er findet bereits statt.

Fotocredits

© Unmanned Magazine/Sebastian Freiler
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