KI-Drohne Virtus: Entscheidung bleibt in Menschenhand
Das deutsche Rüstungs- und Defence-Tech-Startup Stark Defence ist auf unbemannte militärische Systeme spezialisiert und entwickelt vor allem KI-gestützte Kamikaze-Drohnen. Im Gespräch erläutert Martin Rudolph, Director Business Development von Stark, wie Europas technologische Handlungsfähigkeit durch eine neue Generation von Defence-Tech-Startups gestärkt werden kann und welche Rolle Künstliche Intelligenz auf dem Gefechtsfeld der Zukunft spielen wird.

Im Mittelpunkt des Messestandes von Stark auf der DroneVation & Defence 2026 stand die Loitering Munition Virtus, eine KI-gestützte Kamikaze-Drohne. Können Sie kurz erläutern, welche technologischen Besonderheiten ein solches System von klassischen Drohnen unterscheiden? In welchen Bereichen kommt dabei künstliche Intelligenz konkret zum Einsatz?
Virtus ist kein klassisches UAV, sondern ein speziell entwickelter One-Way Effektor mit VTOL-Fähigkeit (Vertical Take Off and Landing). Das bedeutet, dass weder Katapult, Startröhre noch vorbereitete Infrastruktur benötigt werden. Das System kann praktisch überall eingesetzt werden und ist dadurch deutlich flexibler als viele herkömmliche Lösungen. Ein einzelner Operateur kann Virtus in weniger als zehn Minuten einsatzbereit machen.

Künstliche Intelligenz kommt vor allem dort zum Einsatz, wo moderne Gefechtsfelder besonders anspruchsvoll sind: bei der Navigation in GNSS-gestörten Umgebungen insbesondere während der Phase der Final Terminal Guidance, beim Ergreifen von Gegenmaßnahmen im Rahmen der elektronischen Kampfführung und bei der Reduktion der Workload für den Operateur durch die Verarbeitung großer Datenmengen. Entscheidend ist dabei, dass KI den Menschen unterstützt, ihn aber nicht ersetzt. Die Zielauswahl, -bestätigung und der Einsatz von Waffenwirkung erfolgt jederzeit durch den Menschen. Das ist für uns nicht nur eine ethische Frage, sondern fester Bestandteil des Systemdesigns.
Stark liefert Kampfdrohnen in die Ukraine und nutzt Rückmeldungen direkt von der Front für die Weiterentwicklung der Systeme. Wie schlagen sich Ihre Drohnen in der Ukraine und welche Erfahrungen fließen aktuell in die Produktoptimierung ein?
Die Ukraine ist heute das anspruchsvollste Umfeld für unbemannte Systeme weltweit. Nirgendwo sonst werden Technologien täglich unter vergleichbar intensiven Bedingungen getestet, insbesondere im Bereich der elektronischen Kampfführung. Für uns ist deshalb der enge Austausch mit den Nutzern vor Ort von enormem Wert.

Was wir aus der Ukraine lernen, fließt direkt in unsere Entwicklungszyklen ein, von der Software über die Navigation bis hin zur Bedienbarkeit und Widerstandsfähigkeit der Systeme. Dieser kontinuierliche Feedback-Prozess ist ein zentraler Bestandteil unseres Innovations- und Entwicklungsansatzes. Zu konkreten Einsatzdaten oder Leistungswerten äußern wir uns grundsätzlich nicht. Wichtig ist, dass unsere Systeme gemeinsam mit den Anwendern entwickelt werden und dadurch operativ relevant bleiben.
Wie wichtig sind Partnerschaften, etwa mit TDW oder Inleap Photonics, für die schnelle Weiterentwicklung Ihrer Systeme?
Partnerschaften sind für uns essenziell. Die Herausforderungen, vor denen Europa sicherheitspolitisch steht, können nicht von einem einzelnen Unternehmen allein bewältigt werden. Deshalb setzen wir bewusst auf Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern.
Die Kooperation mit TDW ist dafür ein gutes Beispiel. Gemeinsam entwickeln wir Gefechtskopfsysteme für Virtus und schaffen gleichzeitig die Voraussetzungen für eine skalierbare Produktion. Solche Partnerschaften verbinden die Innovationsgeschwindigkeit junger Technologieunternehmen mit der industriellen Erfahrung etablierter Akteure. Das hilft uns, Technologien schneller zur Einsatzreife zu bringen und in relevanten Stückzahlen verfügbar zu machen.

Die Bundeswehr soll Virtus-Drohnen beschaffen. Wie sehen Sie die Rolle von Stark als Akteur auf dem deutschen und europäischen Markt, insbesondere im Vergleich zu anderen Rüstungs-Startups?
Wir sehen uns als Teil einer neuen Generation europäischer Verteidigungsunternehmen. Moderne Konflikte entwickeln sich mit einer Geschwindigkeit, die klassische Entwicklungs- und Beschaffungszyklen zunehmend herausfordert. Unser Ansatz besteht darin, Software, KI und Hardware von Beginn an gemeinsam zu entwickeln und neue Fähigkeiten sehr schnell in die Praxis zu bringen.
Dabei verstehen wir uns nicht als Gegenmodell zu etablierten Unternehmen. Europa braucht sowohl innovative Start-ups als auch starke industrielle Partner. Unser Beitrag liegt darin, neue Technologien schneller in die Hände der Nutzer zu bringen und die technologische Handlungsfähigkeit Europas zu stärken. Letztlich geht es nicht um Start-up gegen Konzern, sondern darum, gemeinsam die Fähigkeiten bereitzustellen, die Europa und die NATO heute benötigen.
Messestand von Stark Defence auf der DroneVation & Defence 2026



Künstliche Intelligenz spielt eine zentrale Rolle bei modernen Loitering-Munition-Systemen. Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren im Bereich KI-gesteuerter unbemannter Systeme?
KI wird in den kommenden Jahren eine immer wichtigere Rolle spielen. Sie hilft dabei, große Datenmengen auszuwerten, Ziele zu priorisieren, Navigationsaufgaben zu übernehmen und Systeme auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu halten. Gleichzeitig werden wir eine stärkere Zusammenarbeit mehrerer unbemannter Systeme sehen, etwa im Bereich koordinierter Schwarmoperationen.
Mindestens genauso wichtig wird allerdings die Fähigkeit sein, diese Systeme kontinuierlich per Software zu aktualisieren. Bedrohungen verändern sich heute in sehr kurzen Zyklen. Wer seine Systeme nicht laufend weiterentwickelt, verliert schnell an Relevanz. Was sich aus unserer Sicht nicht ändern wird, ist die Rolle des Menschen. Die Entscheidung über den Einsatz von Waffenwirkung muss beim Menschen verbleiben. Das ist für uns ein grundlegendes Prinzip.
„Was sich aus unserer Sicht nicht ändern wird, ist die Rolle des Menschen. Die Entscheidung über den Einsatz von Waffenwirkung muss beim Menschen verbleiben. Das ist für uns ein grundlegendes Prinzip.”
Martin Rudolph, Director Business Development
Wird es in Zukunft eher auf Qualität oder auf Quantität ankommen?
Die Erfahrungen aus der Ukraine zeigen sehr deutlich, dass die Antwort beides lautet. Hochentwickelte Systeme allein reichen nicht aus, wenn sie nur in sehr kleinen Stückzahlen verfügbar sind und mit hohen Stückpreisen einhergehen. Umgekehrt bringt reine Masse wenig, wenn die Systeme den Anforderungen moderner Gefechtsfelder nicht gewachsen sind.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, technologisch fortschrittliche Systeme so zu entwickeln, dass sie gleichzeitig skalierbar, bezahlbar und schnell produzierbar sind. Glaubwürdige Abschreckung entsteht heute nicht nur durch einzelne Spitzenfähigkeiten, sondern durch die Fähigkeit, moderne Systeme in relevanter Zahl bereitzustellen und bei Bedarf schnell zu ersetzen. Genau darauf richtet sich unser Fokus.
Fotocredits
© Stark · © Gábor OrbánWeiterlesen

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