Zum Inhalt springen
Unmanned Systems / Aerial Drones

Ukrainische Drohnenpiloten auf Gotland: NATO-Übung legt erneut Schwächen der Allianz offen

Auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland simulierte die NATO einen Angriff – und ukrainische Drohnenpiloten setzten schwedische Einheiten so oft außer Gefecht, dass das Training stockte. Was Schwedens Generalstabschef daraus ableitet.

Ukrainian drone pilot
© Wild Hornets

Nicht nur Europas Gefechtsfelder wandeln sich durch den Krieg in der Ukraine, immer stärker auch das strategische Denken in der NATO. Belegt hat das zuletzt eine groß angelegte Militärübung auf Gotland, der schwedischen Insel in der Ostsee; die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) ausführlich berichtet hat darüber. Teil der Übung waren ukrainische Drohnenpiloten. Sie gaben westlichen Streitkräften weiter, was sie im Krieg gegen Russland gelernt haben – und schickten dem Bündnis einmal mehr eine Warnung, die keinen Zweifel lässt.

Wie ukrainische Drohnenpiloten die Übung bestimmten

Geführt wurde die Übung von den schwedischen Streitkräften. Simuliert wurde darin ein Angriff auf eines der jüngsten Mitglieder der NATO: An die Ostgrenze des Bündnisses verlegte eine nicht näher bezeichnete Macht Truppen, zugleich gab es Sabotageakte, Stromausfälle und Angriffe auf kritische Infrastruktur. Schauplatz war Gotland, eine strategisch wichtige Insel mitten in der Ostsee.

Auffällig war vor allem die Rolle der ukrainischen Soldaten. Statt nur zu beobachten, brachten sie ihre Erfahrungen aus dem realen Kriegsgeschehen aktiv ein. In Teilen der Übung übernahmen ukrainische Drohnenkräfte laut AP sogar die Rolle des Angreifers – und „zerstörten” schwedische Einheiten mehrfach derart wirkungsvoll, dass das Training immer wieder unterbrochen werden musste.

Gegenüber der Nachrichtenagentur sagte ein ukrainischer Drohnenpilot mit dem Rufnamen „Tarik”:

Im realen Einsatz wären sie tot gewesen.— „Tarik”, ukrainischer Drohnenpilot, gegenüber AP

Ein zweiter Pilot, Rufname „Karat”, sprach westlichen Streitkräften das Potenzial nicht ab. Deutlich verbessern müssten sie aber ihre Drohnensysteme, ihre Taktiken und vor allem das Verständnis ihrer Kommandanten für moderne Drohnenkriegsführung.

Auch frühere Übungen zeigten das Ungleichgewicht

Bereits im Vorjahr zeigte die Übung „Hedgehog 2025” in Estland den NATO-Truppen dramatisch ihre Grenzen auf. 16.000 NATO-Soldaten aus 12 Staaten traten dort gegen ukrainische Drohnenteams an und waren damit völlig überfordert. Ein zehnköpfiges ukrainisches Drohnenteam soll in einem Szenario binnen eines halben Tages 17 gepanzerte NATO-Fahrzeuge simuliert zerstört und darüber hinaus 30 weitere Angriffe geflogen haben. Zwei komplette NATO-Bataillone machten die Ukrainer an einem einzigen Übungstag kampfunfähig.

Ähnlich erging es den westlichen Streitkräften bei „REPMUS/Dynamic Messenger 2025”: Gegen ihre ukrainischen Counterparts hatten sie nichts zu bestellen. Vor Portugals Küste trat damals ein multinationales „rotes” Marineteam unter ukrainischer Führung, an dem Amerikaner, Briten und Spanier beteiligt waren, gegen andere NATO-Kräfte an. Über mehrere Szenarien hinweg soll das Team die Schwachstellen der NATO-Seestreitkräfte aufgedeckt und sämtliche fünf Übungssituationen gewonnen haben.

Geübt wurden dabei unter anderem Angriffe auf Häfen und Geleitzüge sowie deren Abwehr. Als „getroffen” zählte ein Schiff schon, sobald eine Drohne es als erste ins Visier genommen und das dokumentiert hatte. Einmal markierte das „rote” Team eine NATO-Fregatte sogar mehrfach; im echten Gefecht wäre das Schiff dem Bericht zufolge wohl verloren gewesen.

Generalstabschef Claesson: Die NATO muss „rasch lernen“

Nüchtern fällt das Fazit aus, das Michael Claesson, Generalstabschef Schwedens, nun aus der Übung auf Gotland zieht: Wie Drohnen- und Drohnenabwehr-Operationen künftig funktionieren, müssten alle westlichen Streitkräfte „rasch lernen”. Am schnellsten gelinge das, wenn man auf die Erfahrungen der Ukraine höre.

Nach Angaben von AP betonte auch US-General Curtis King, dass moderne Streitkräfte künftig erheblich mehr auf Tarnung, Überlebensfähigkeit und vernetzte Sensorik setzen müssten. Zugleich seien bessere Fähigkeiten nötig, um Bedrohungen durch Drohnen frühzeitig zu erkennen.

Wie drängend das Problem schon heute ist, zeigt die Lage an der NATO-Ostflanke: Seit Monaten häufen sich dort Drohnenvorfälle, zum Teil verursacht durch ukrainische Drohnen, die russische Störmaßnahmen vom Kurs abgebracht haben.

Gotland als Prüfstein für die Allianz

Zufällig wurde Gotland als Übungsort nicht gewählt. Weil die Insel zwischen Schweden und der russischen Exklave Kaliningrad liegt, gilt sie als strategischer Schlüsselraum der Ostsee.

Ukrainian drone pilot
Westliche Streitkräfte scheinen derzeit auf Übungsangriffe von ukrainischen Drohnenpiloten kaum gute Antworten zu finden. · © Oleksandr Syrsky/ OB Ukraine
Wer Gotland kontrolliert, kontrolliert im Grunde die zentrale Ostsee— Michael Claesson gegenüber AP

Nachdem der Kalte Krieg zu Ende gegangen war, hatte Schweden seine militärische Präsenz auf Gotland stark zurückgefahren. Mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 kam die Kehrtwende; 2024 wurde Schweden gemeinsam mit Finnland Mitglied der NATO.

Dass Russland mit begrenzten Operationen gegen Gebiete wie Gotland ausloten könnte, wie schnell die NATO reagiert, ist für Claesson laut AP ein „sehr realistisches Szenario”.

Umbruch in Europas Sicherheitsarchitektur

Sichtbar wurde in der Übung zugleich, wie stark Drohnen im modernen Krieg an Gewicht gewinnen und wie sehr die Unsicherheiten im Bündnis selbst zunehmen. Dahinter stehen unter anderem Debatten über einen möglichen Abbau der US-Truppenpräsenz in Europa und der Druck aus Washington, dass die europäischen NATO-Mitglieder mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen.

Mehrere europäische Staaten treiben parallel bereits engere militärische Kooperationen voran, etwa im maritimen Bereich: nordische und baltische Länder gemeinsam mit Großbritannien und den Niederlanden.

Unterm Strich lässt die Übung auf Gotland dennoch keinen Zweifel: Längst ist der Krieg in der Ukraine kein rein regionaler Konflikt mehr – schon jetzt formt er Doktrinen, Strukturen und Prioritäten der NATO-Streitkräfte um.

Fotocredits

© Wild Hornets · © Oleksandr Syrsky/ OB Ukraine
Werbung336 × 280
Perimeter Protection 2027 – Jetzt Ticket sichern! 19.–21. Januar 2027, Nürnberg (incontent)

Weiterlesen

Die Woche der unbemannten Systeme.