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Counter-UAS

Drohnenabwehr mit 70-Millimeter-Raketen: Belgische F-16 testen FZ275 LGR, die auch das Bundesheer erhält

Für die Drohnenabwehr hat die belgische Luchtmacht bei Lombardsijde an der Nordseeküste die gelenkte Rakete FZ275 LGR von Thales Belgium auf F-16 erprobt. Für Österreich ist das relevant: Dieselbe Waffe soll den AW169MA und den M-346FA des Bundesheeres bewaffnen.

Belgium tests 70-millimeter rocket
© Belgien MoD

Erfolgreich getestet hat die belgische Luchtmacht (Luftwaffe) bei Lombardsijde in Westflandern an der Nordseeküste die 70-Millimeter-Rakete FZ275 LGR von Thales Belgium – zur Drohnenabwehr gegen mittelgroße Angriffsdrohnen. Erhebliche Bedeutung haben die Ergebnisse auch für das Österreichische Bundesheer: Mit der FZ275 LGR werden dort der Mehrzweckhubschrauber Leonardo AW169MA und der Jettrainer Leonardo M-346FA bewaffnet, was ihre Einsatzoptionen in der Landesverteidigung erweitert.

Seit Jahresbeginn erproben Luftwaffe, Heer und Marine der belgischen Streitkräfte gemeinsam die 70-Millimeter-Rakete auf belgischen F-16AM mit Mehrfachraketenwerfern vom Typ LAU-131A/A. Ziel ist die Bekämpfung kostengünstiger Kampfdrohnen.

De Luchtmacht testte in Lombardsijde een capaciteit tegen middelgrote aanvalsdrones. In samenwerking met de Landmacht, de Marine en Thales Belgium: FZ275‑raketten van 70 mm zonder lading op #F16, als efficiënte en betaalbare oplossing tegen de UAS‑dreiging pic.twitter.com/So7Afwy3XK— Belgian Defence (@BelgiumDefence) April 30, 2026

Ein Blick zurück

Ab 1943 feuern einige Jagd- und Zerstörergeschwader der deutschen Luftwaffe als Bordrakete 21 die 21-Zentimeter-Raketen des selbstfahrenden Mehrfachraketenwerfers Panzerwerfer 42 aus rund 1.200 Meter Entfernung in alliierte Bomberformationen.

Gegen Ende der 1940er-Jahre leitet das US Navy Naval Ordnance Test Center daraus die 70 Millimeter/2.75 in Mk 4 Folding-Fin Aerial Rocket (FFAR) Mighty Mouse ab. Gegen Luft- und Bodenziele soll diese Rakete aus bis zu sieben Kilometer Entfernung wirken. Weil große Bomber jedoch rasch schneller werden, ist ihre Nachfolgerin, die 70-Millimeter-Rakete Hydra-70, nur noch für die Luft-Boden-Rolle gedacht.

Flugzeuge und Hubschrauber werfen keine Bomben mehr im Überflug ab, sondern schießen ganze Raketenwolken aus bis zu 10 Kilometer Entfernung auf Bodenziele. Davon profitieren auch die Bodencrews: Beim Aufmunitionieren am Boden sind die etwa 12 Kilogramm schweren Raketen deutlich leichter zu handhaben als Bomben von 110 Kilogramm aufwärts bis 907 Kilogramm.

Von der Lenkrakete zum Drohnenjäger

Um die Mitte der 2010er-Jahre arbeitet BAE Systems an einer Laserlenkung für die Hydra-70 und testet sie. Gefechtskopf und Raketenmotor werden für den Einsatz zusammengeschraubt, dazwischen sitzt nun eine Lenkvorrichtung. Die bis dahin ungelenkte Rakete wird damit zur Lenkwaffe AGR-20A Advanced Precision Kill Weapon System (APKWS) – zunächst gegen Bodenziele.

F-16 der US Air Force beim Abschuss einer APKWS-Lenkwaffe
F-16 der US Air Force beim Abschuss einer APKWS-Lenkwaffe. · © USAF/Raven

Auf einer Waffen- und Taktikkonferenz der US Air Force im Jänner 2019 kommt der Gedanke auf, die Waffe auch gegen Luftziele einzusetzen. Ende 2019 nimmt das 85th Flight Test Squadron auf der Eglin Air Force Base in Florida die Tests auf. Am 12. Dezember 2019 trifft Major Jeffrey Entine, Testpilot des 85. Flugtestgeschwaders, aus einer F-16C erfolgreich eine Testdrohne, die einen Marschflugkörper simuliert (siehe Video unten).

In großen Stückzahlen bewähren sich APKWS-Raketen 2024 und 2025 gegen Schwarmangriffe von Drohnen, die aus dem Iran und von Huthi-Rebellen aus dem Jemen in Richtung Israel starten.

Für den Einsatz in der Drohnenabwehr (C-UAS, Counter-Unmanned-Aerial-Systems) taugen die Raketen, sofern die Piloten einige Grundsätze befolgen. Als Luftkampfraketen wurden die 70-Millimeter-Raketen nicht konzipiert, Agilität fehlt ihnen. Wer sich aber hinter nicht manövrierende Marschflugkörper und Langstrecken-Kamikazedrohnen setzt, gibt den Raketen ein Ziel, das sie treffen können. Ebenso verhält es sich bei Bodenzielen: Fahrzeuge, die sich quer zur Schusslinie bewegen, lassen sich bis zu Geschwindigkeiten von 50 bis 60 km/h noch treffen.

U.S. Fighter aircraft shoot down Iran-backed Houthi one-way-attack drones with AGR-20 FALCO Advanced Precision Kill Weapon System (APKWS) Laser Guided 2.75″ Rockets.#HouthisAreTerrorists pic.twitter.com/bDoVnKwotc— U.S. Central Command (@CENTCOM) March 19, 2025

Damit füllen die gelenkten 70-Millimeter-Raketen die Lücke zwischen hochwirksamen, kostspieligen Langstreckenraketen auf der einen und Geschützen kürzerer Reichweite sowie ungelenkten Raketen auf der anderen Seite. Von einer einzigen Plattform aus ist so ein breites Spektrum präziser Wirkung gegen Ziele in der Luft, am Boden und auf See möglich.

Europäische Optionen

Diesseits des Atlantiks existieren neben der APKWS von BAE Systems, die unter anderem auf dem Eurofighter erprobt wird, noch weitere Möglichkeiten.

So hat die britische Thales Air Defence Limited die Martlet entwickelt, auch Lightweight Multirole Missile (LMM, siehe Video unten) genannt. In der C-UAS-Rolle soll sie künftig auf der Dassault Rafale (-> Österreich sucht den Eurofighter-Nachfolger – auch die Rafale ist ein Thema) zum Einsatz kommen.

Das Angebot von Thales Belgium

Mit der FZ275 LGR führt Thales Belgium ebenfalls ein Produkt dieser Art im Sortiment. Im November 2024 unterzeichnete die Firma einen Vertrag über eine Kooperation mit einem Verteidigungsunternehmen aus der Ukraine. Gedacht sind die Raketen für die Bekämpfung unbemannter Flugzeuge der NATO-Klassen II und III, vor allem von Langstreckenangriffsdrohnen wie Shahed und Geran-2. Verschossen werden sie bislang von „NATO-kompatiblen” Startgeräten für 70-Millimeter-Raketen des Typs Vampire von L3 Harris, die als Kurzstrecken-Flugabwehrraketensystem dienen. 2026 will Thales Belgium insgesamt 10.000 Stück dieser Rakete fertigen.

FZ275 LGR
Die FZ275 LGR ist laut Hersteller derzeit ausschließlich für Bodenziele qualifiziert. In der Ukraine wird sie bereits vom Boden aus gegen Luftziele eingesetzt – die Tests in Belgien dienen nun der Qualifizierung für den Luft-Luft-Einsatz. · © Thales

Aus den belgischen Tests mit der F-16AM lässt sich schließen, dass es hier um Erprobungen für den Luft-Luft-Einsatz in der C-UAS-Rolle geht – für die belgische Rüstungsindustrie und in weiterer Folge für die F-16 der Ukraine. In Belgien wird die F-16AM nämlich bereits ausgephast und durch die F-35A abgelöst (-> Im Oktober 2025 kamen die ersten F-35 in Belgien an).

Fünffachstarter für die Thales FZ275 LGR an den Auslegern eines Schiebel Camcopter S-100
Zwei Fünffachstarter für die Thales FZ275 LGR an den Auslegern eines Schiebel Camcopter S-301 auf der UMEX 2026. · © Archiv
Vampire-System
Das Vampire-System von L3 Harris verschießt die in Belgien produzierte 70-Millimeter-FZ275-Rakete von Thales aus einem FZ605-Raketenwerfer. · © L3 Harris

Zum Test erklärte die Luchtmacht:

Die Luftwaffe hat in den vergangenen Tagen auf dem Schießplatz von Lombardsijde eine neue Fähigkeit zur Abwehr mittelgroßer Angriffsdrohnen getestet. In Zusammenarbeit mit dem Heer, der Marine und Thales Belgium werden 70-Millimeter-FZ275-Raketen ohne Sprengladung in die F-16 integriert, um eine effiziente und kostengünstige Lösung gegen die wachsende Bedrohung durch Unmanned Aircraft Systems (UAS) zu entwickeln. Mit den Schusstests unterstreicht das Verteidigungsministerium nicht nur sein Engagement für Innovation, sondern auch die Bedeutung der Zusammenarbeit mit der belgischen Verteidigungsindustrie.— Belgische Luchtmacht

Erstmals bekämpfte das modulare Vampire-Raketensystem von L3 Harris Technologies im Februar 2026 Bodenziele mit der FZ275-Rakete, abgefeuert von einem FZ605-Raketenwerfer. Als Zielsystem diente ein elektrooptisch/infrarotes (EO/IR) System vom Typ Wescam MX-10D. Bereits 2025 hatten L3 Harris und Shield AI erfolgreich ein auf künstlicher Intelligenz (KI) gestütztes System zur Drohnenerkennung vorgeführt, das feindliche Drohnen schneller und auf größere Entfernungen erfasst als bisherige Systeme.

Drohnenabwehr für das Bundesheer: FZ275 LGR kommt

Hervorragende Nachrichten sind das für das Österreichische Bundesheer. Die Integration und die Tests durch Leonardo bleiben zwar nicht erspart, um das Waffensystem für den Hubschrauber AW169MA (-> Bisher elf AW169 an das Bundesheer übergeben) und den kürzlich erst bestellten M-346FA-Jettrainer zu qualifizieren. Thales kann dabei aber selbstverständlich schon mit Daten helfen.

Bewaffneter AW169MA
Bewaffneter AW169MA: Die EO/IR-Kamera unter dem Bug beleuchtet das Ziel für die seitlich neben der Kabine montierten Raketenbehälter. · © Leonardo

Ist die Integration abgeschlossen, steht den österreichischen Luftstreitkräften eine moderne, kampferprobte Waffe für die C-UAS-Rolle zur Verfügung. Die jüngsten Luftfahrzeuge des Bundesheeres können damit als weitere Komponente die mehrschichtige Luftraumverteidigung stärken, die derzeit überall mit hoher Priorität ausgebaut wird.

Fotocredits

© Belgien MoD · © USAF/Raven · © Thales · © Archiv · © L3 Harris · © Leonardo
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