Drohnenabwehr um Moskau: Russland errichtet über 50 neue Flugabwehrstellungen
Drohnenabwehr nach sowjetischem Vorbild: Seit den ersten ukrainischen Drohnenangriffen im Mai 2023 zieht Russland wieder einen gestaffelten Flugabwehrring um die Hauptstadt. Türme, Rampen und Müllberge dienen als Standorte – doch nicht alle Stellungen sind besetzt.

Mehr als 50 neue Flugabwehrstellungen hat die russische Armee in und um Moskau inzwischen errichtet und damit die Drohnenabwehr der Hauptstadt erheblich ausgebaut. Auslöser waren die ersten Angriffe ukrainischer Drohnen auf die Stadt im Mai 2023.

Weltweit verfolgen Fachleute für Luftkrieg und Interessierte den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aufmerksam. Über der Ukraine und zumindest über dem europäischen Teil Russlands spielt sich derzeit schließlich die intensivste Fernwaffenschlacht der Geschichte ab: In keinem Krieg zuvor wurden so viele Langstreckenwaffen abgefeuert.
Ziel beider Seiten ist es, die Koordinations- und Abwehrfähigkeiten der gegnerischen Flugabwehr zu überwinden – und das gelingt. Bricht der Schutzschirm unter Sättigung zusammen, erzielen beide Seiten Treffer. Auf beiden Seiten getroffen werden militärische Ziele, strategisch-wirtschaftliche Ziele wie die Rüstungs- oder Exportindustrie, aber auch zivile Ziele.
Seit jeher gilt die größte Aufmerksamkeit des russischen Militärs der Hauptstadt Moskau – dem bedeutendsten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zentrum des Landes.

Ringe der Luftabwehr seit Sowjetzeiten
Schon die Sowjetunion legte mehrere „Ringe” der Luftabwehr um Moskau. Im Umkreis von 75 bis 90 Kilometer vom Stadtzentrum verlief der erste Ring. 35 bis 50 Kilometer vom Kreml entfernt lag der zweite, der sogenannte „kleine Verteidigungsring Moskaus” (siehe Karte). Dazu kam ein eigenes System, das ballistische Raketen abwehren sollte.

Zwei Ringstraßen, deren Bedeutung vor allem militärisch war, verbanden diese Stellungen. Über sie ließ sich die Versorgung der Flugabwehrraketen-Einheiten sicherstellen.

Wie wirksam – oder unwirksam – das System war, testete am 28. Mai 1987 der Deutsche Mathias Rust: Von Helsinki aus flog er mit einer Cessna 172 bis in die Moskauer Innenstadt und setzte gegen 18.40 Uhr nahe dem Roten Platz auf.
Als der Kalte Krieg vorbei war, blieb von den über 50 Anlagen nur ein kleiner Teil in Betrieb. Seit Mitte 2023 baut Russland die Flugabwehr rund um Moskau jedoch wieder massiv aus.
Neue Drohnenabwehr entlang der Ringautobahnen
Wie schon in sowjetischer Zeit folgt die Anordnung der neuen Flugabwehrstellungen dem Straßennetz. Die meisten neuen Standorte befinden sich zwischen dem Moskauer Autobahnring MKAD (МКАД), der 108,9 Kilometer lang ist, und der Zentralen Ringautobahn A113 TsKAD (ЦКАД), die sich auf insgesamt 336,5 Kilometer um Moskau windet.
Vereinzelt tauchen auch am dritten Ring um Moskau wieder Stellungen auf – der A108, auch Moskauer Großer Ring oder Zweiter Betonring genannt. In sowjetischer Zeit lagen entlang der A108 rund 30 Flugabwehr-Stellungen.

Innerhalb des MKAD fallen drei Standorte heraus, an denen jeweils ein Pantsir S-1 Flugabwehrsystem steht:
- auf dem Dach der Petrowski-Kaserne, Sitz der Hauptverwaltung des russischen Innenministeriums für die Stadt Moskau, rund zwei Kilometer nördlich des Kremls,
- auf einem Verwaltungsgebäude knapp innerhalb des Gartenringes, rund zwei Kilometer östlich des Kremls, und
- auf der Hubschrauberplattform des Verteidigungsministeriums an der Moskwa gegenüber dem Gorky Park, rund drei Kilometer südwestlich des Kremls.

Abseits des Zentrums nutzt man, wo es geht, Bodenerhebungen – etwa renaturierte Müllberge. Daneben gibt es aufgeschüttete Rampen, auf die Flugabwehr-Systeme auffahren können.
Am stärksten ins Auge fallen allerdings Stahlbautürme von über 20 Meter Höhe, auf die Flugabwehr-Systeme per Kran gehoben werden.
Der Grund für diese Bauweisen liegt in der Geografie des Moskauer Umlands. Natürliche Bodenerhebungen fehlen, gerade die Sensoren der Flugabwehr-Systeme brauchen aber ein möglichst freies und weites Blickfeld.

Bemerkenswert: Nicht alle neuen Stellungen sind dauerhaft besetzt. Unbekannt ist, ob es sich aus taktischen Gründen schlicht um Ausweichstellungen handelt oder ob die Rüstungsindustrie die Systeme nicht liefern kann.
Auf einer Karte hält Mark Krutov von Radio Free Europe/Radio Liberty die aufgefundenen Stellungen penibel fest.
Mehrere Monate liegt die letzte Zählung schon zurück. Ukrainische Experten kamen damals in und um Moskau auf 22 bis 25 Flugabwehrraketensysteme der älteren Typen S-300/S-400, drei Systeme des moderneren Langstreckensystems S-350 und zwei Raketenabwehrsysteme vom Typ S-500. Wie viele Kurz- und Mittelstreckensysteme vom Typ Pantsir S-1, BUK und TOR vorhanden sind, blieb offen.
Was vom Himmel fällt
Fotos von Raketentrümmern und beschädigten Gebäuden machen deutlich, dass Flugabwehr in der Stadt ein zweischneidiges Schwert ist. Auch zerstörte und abgefangene Drohnen bleiben schließlich nicht in der Luft – alles kommt wieder herunter.
Im besten Fall gehen die Trümmer auf unbebautem Gelände nieder. Es entstehen aber auch Schäden an Gebäuden: von zersprungenen Fenstern über demolierte Fassaden bis hin zu durchschlagenen Dächern.

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