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Unmanned Systems / Aerial Drones

Drohnenkrieg in der Ukraine: Millionen Systeme, wachsende Reichweiten und KI im Endanflug

Mehr Drohnen, mehr Typen, mehr Personal: Der Drohnenkrieg zwischen Russland und der Ukraine wächst in jeder Kennzahl. Ein Überblick über Stückzahlen, Reichweiten, KI-Module und Bodendrohnen – und über die Frage, was ein Frieden ohne Kontrolle bedeuten könnte.

Ukraine: Current figures from the drone war
© Ukraine MoD

Im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine lassen sich beim Drohnenkrieg klare Tendenzen ablesen: Die Zahl unbemannter Systeme nimmt zu, und zwar absolut wie auch in der Vielfalt der Typen. Ihre Reichweite wächst, sie lassen sich für immer mehr Aufgaben verwenden, und künstliche Intelligenz (KI) ist inzwischen endgültig am Schlachtfeld angekommen. Auch beim Personal legen Drohnen-Einheiten von allen militärischen Einsatzverbänden am stärksten zu.

Auf 165.000 wollen die russischen Streitkräfte ihre 2025 aufgestellten Truppen für unbemannte Systeme in einem groß angelegten Ausbau bringen. Die ukrainische Teilstreitkraft „Unbemannte Systeme der Streitkräfte der Ukraine” lag Ende Jänner/Anfang Februar bereits über einem Personalstand von 86.000. 100.000 Mann sollen es bis zum 1. April sein.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Die Zahl der Drohnen-Soldaten steigt in der Ukraine und in Russland in den sechsstelligen Bereich. · © 411hawks via Instagram

Drohnenkrieg 2026: sieben Millionen Drohnen als Ziel

Schätzungen zufolge beschaffte die Ukraine 2025 rund vier Millionen Drohnen. Den Großteil machten Einwegwaffen aus, angefangen bei der FPV-Drohne mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View) für den taktischen Gefechtsfeldeinsatz bis hin zur Langstrecken-Angriffsdrohne, die klar strategisch ausgerichtet ist.

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Drohnenabwehr rund um den Iran-Krieg nannte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zuletzt eine Produktionskapazität von 2.000 Abfangdrohnen pro Tag. 2026 will die Ukraine sieben Millionen Drohnen beschaffen. Damit könnte der tägliche Verbrauch, der im Vorjahr bei 10.000 und mehr Systemen lag, auf rund 19.000 und mehr steigen.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Die Prinz Vandal von Novgorod Glasfaser-Kabeldrohne ist technisch und auch stückzahlmäßig Russlands führende FPV-Drohne. · © Idnes

Ein Markt mit über 1.300 Modellen

Einen „kleinen” Überblick liefert der ukrainische Brave1-Markt. Angeboten werden dort derzeit 1.343 Drohnenmodelle und Varianten, darunter 581 Funk-FPV-Modelle, 434 FPV-Modelle mit Glasfaserkabel, 38 Schwerlastdrohnenmodell/Varianten sowie 28 unterschiedliche taktische Aufklärungsdrohnen. Zum Vergleich: Weltweit werden derzeit 18 Typen von Überschall-Kampfflugzeugen produziert.

Sofort lieferbar ist die Mehrzahl dieser Systeme. Das deckt sich mit der Linie, die der Chef der unbemannten Systemstreitkräfte der Ukraine offen vertritt: Nicht Pilotinnen und Piloten sollen auf die Drohne warten müssen, vielmehr müssen Drohnen für die Piloten jederzeit verfügbar sein.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Start einer ukrainischen Aufklärungsdrohne. · © 411hawks via Instagram

Mit 162 unbemannten Bodensystemen ist auch dieses Segment inzwischen kaum noch zu überblicken. Für elektronische Kampfführung und Unterstützung stehen den ukrainischen Soldaten nicht weniger als 400 Systeme zur Auswahl, hinzu kommen 67 verschiedene Drohnenwarner und über 1.100 Zubehörteile für den Drohnenkrieg.

Bemerkenswert ist eine noch vergleichsweise kleine, aber wachsende Gruppe: derzeit 33 KI-Module, die Drohnenpiloten mit den unterschiedlichsten Hilfsfunktionen unterstützen. Software, taktische Ausrüstung und Simulatoren kommen dazu. Nicht eingerechnet ist dabei, was Soldaten und Einheiten selbst beschaffen oder über Spendeninitiativen bekommen.

Moskau setzt auf Langstrecken-Angriffsdrohnen

Nach ukrainischen Schätzungen schichtet Russland Geld aus der Raketen- in die Drohnenproduktion um. 350 bis 500 Langstrecken-Angriffsdrohnen pro Tag soll Russland derzeit verschießen können. Für das heurige Jahr sollen es 600 bis 800 sein, als Gesamtziel gelten 1.000 Drohnen täglich.

Bei der Zahl der Langstreckenangriffe hat die Ukraine nach eigenen Angaben mit Stand Mitte März Drohnenparität mit Russland erreicht. Russische Kommentatoren sehen die eigenen Streitkräfte bei der bloßen Menge an FPV-Drohnen noch vorn. Technisch und taktisch beherrschen laut russischen Militärbloggern derzeit aber die Ukrainer den Drohnenhimmel.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Russische Geran-2 Langstrecken-Kamikazedrohne in den Wolken. · © Archiv

Wie weit die Drohnen reichen

Glaubt man jüngsten Berichten, dann setzt die Ukraine taktische Drohnen zur Abriegelung des Gefechtsfeldes bis etwa 150 Kilometer hinter der Front ein.

Ähnlich tief griff Russland an – zumindest bis vor dem Starlink-Aus (-> Starlink-Aus trifft russische Truppen hart) – und traf ukrainische Nachschub-Lkw Dutzende Kilometer im Hinterland. Als Reaktion darauf sind ukrainische Netztunnel, die die Hauptversorgungsrouten hinter der Front vor Drohnen schützen, teils schon 40 Kilometer lang. Als absolute Todeszone gilt auf beiden Seiten der eher imaginären Frontlinie ein Streifen von jeweils rund 20 Kilometern Breite.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Die russische Lancet-Loitering-Kamikazedrohne bei Startvorbereitungen. · © Ministry of Defense of the Russian Federation

Was die Reichweite der Langstrecken-Angriffsdrohnen betrifft, wird aus dem Nachteil der Ukraine allmählich ein Vorteil. Seit Beginn des Angriffs 2022 konnte Russland Ziele überall in der Ukraine beschießen – anfangs mit Marschflugkörpern, später verstärkt auch mit Drohnen.

Doch die Ukraine zieht nach und erreicht immer größere Räume tief in Russland. Damit geraten auch Ziele unter Beschuss, die bislang allein durch die Entfernung geschützt waren. Erkennbar im Fokus stehen neben der Öl- und Gasindustrie Schlüsselkomponenten der Rüstungsindustrie.

Dass ukrainische Langstrecken-Angriffsdrohnen inzwischen bisher unerreichbare Ziele bedrohen, musste vor Kurzem auch Sergei Schoigu einräumen, der bis 2024 russischer Verteidigungsminister war und seither Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation ist. Bei einer Außensitzung im Uralischen Föderationskreis erklärte er:

Der Ural, der bis vor Kurzem für Luftangriffe aus der Ukraine unerreichbar war, befindet sich nun in einer direkten Bedrohungszone— Sergei Schoigu
Die Entwicklung der Kampfmittel, insbesondere der unbemannten Systeme, ist so, dass jede Region Russlands bedroht ist.— Sergei Schoigu

Über 2.000 Kilometer von Kiew entfernt liegt das Gebiet von Jekaterinburg – die größte Reichweite ukrainischer Drohnen, die Russland bislang öffentlich bestätigt hat.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg – picture alliance/ASSOCIATED PRESS
Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine meldet diese Gleichstand bei der Fähigkeit, Ziele tief im gegnerischen Territorium anzugreifen.

KI übernimmt den Endanflug

Von The Fourth Law (Das vierte Gesetz) stammt TFL-1, das jüngste Zauberkästchen der Ukraine. Das unscheinbare schwarze Plastikteil kostet 118 Euro und lenkt eine Drohne in der Endphase ihres Flugs selbstständig. KI-Unterstützung deckt damit unter realen Gefechtsbedingungen den kritischsten Abschnitt des Flugs ab.

Im Endanflug nimmt nämlich die Flughöhe ab, wodurch die Drohne leichter hinter den Funkhorizont gerät – Hügel, Bäume und Häuser stehen dann der direkten Sichtlinie zwischen Sender und Empfänger im Weg. So wird der Flug in jenen Bereich möglich, der am dichtesten mit elektromagnetischen Störsystemen geschützt ist.

Verliert der Pilot im Endanflug die Kontrolle, springt das Autolenkmodul TFL-1 ein. Die Angriffe werden dadurch um das 2- bis 4-fach effektiver. Ukrainischen FPV-Piloten stehen derzeit insgesamt 16 Typen und Varianten solcher automatischen Zielmodule zur Wahl – ein Trend, bei dem Russland bisher nicht mithalten konnte.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Das 118 Euro teure TFL-1 Kästchen übernimmt die Drohnensteuerung wenn der Kontakt zum Piloten abreißt. · © The Fourth Law

Bodendrohnen in Serie

Rund 2.000 Bodendrohnen, also unbemannte Landfahrzeuge (UGV), schickte die Ukraine 2024 an die Front; 2025 waren es bereits 15.000. Derzeit liegt die monatliche Stückzahl bei über 7.000 (-> Mehr als 7.000 Einsätze im Jänner: Ukraine setzt immer mehr auf Bodendrohnen). 2026 sollen im Schnitt 10.000 Systeme pro Monat erreicht werden, aufs Jahr gerechnet 120.000. Für Russland gibt es keine Zahlen. Es gibt allerdings genug Indizien dafür, dass auch Russland auf diesem Gebiet enorme Anstrengungen unternimmt: Die wichtigsten Typen kommen nicht mehr aus der Bastel-Garage, sondern aus einer eigens aufgebauten Serienfertigung.

Einen Rückschlag bedeutete für Russland jedoch das Ende von Starlink, der sich zumindest derzeit auch bei den UGV bemerkbar macht. Für den Wechsel auf ein neues Steuerungs-Konzept dürften aber bestenfalls mehrere Wochen nötig sein, nicht mehr.

Updates im Wochentakt

An der Front ist der Druck zur Innovation nämlich extrem hoch, die Zyklen sind kürzer als bei den meisten zivilen oder militärischen Technologien. Software erhält in der Regel alle drei bis vier Wochen neue Versionen oder Upgrades, mitunter auch schon nach wenigen Tagen. Hardware-Zyklen dauern zwei bis drei Monate; vor allem im Low-Tech-Bereich sind es oft nur wenige Wochen.

Taucht an der Front neue Technik auf, setzt ein Prozess ein, der binnen weniger Wochen erste Gegenmaßnahmen hervorbringt. Besonders der 3D-Druck erlaubt heute extrem schnelle Anpassungen: Rümpfe, Batteriefächer und Kameragehäuse werden laufend neu konstruiert und ausgedruckt.

Am Schlachtfeld in der Ukraine zeigen sich die Folgen der sogenannten vierten industriellen Revolution, verbunden mit dem Druck, zu überleben. Vernetzung, KI und maschinelles Lernen, Big Data und Datenanalyse sowie additive Fertigung gehen dort mit ständiger Verbesserung und Erneuerung einher.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Die jüngste Entwicklung: Doppelsteuerung. Die Drohne ist per Funk und Glasfaser angebunden um die Ausfallhäufigkeit bei langen Flügen zu verringern. · © Tetiana Chornovol via Facebook

Westliche Beschaffung hinkt hinterher

Vor allem der Drohnenkrieg in der Ukraine hat sich von den Zeitabläufen, die im Westen bei Entwicklung, Produktion, Beschaffung und Einsatz traditionell üblich sind, vollständig gelöst.

Ein Vergleich: Im österreichischen Landesverteidigungsbericht von 2022 ist von der Beschaffung von Aufklärungsdrohnen für die gefechtstechnische und die taktische Ebene die Rede. Beim Bundesheer trafen Ende August 2025 die ersten von 315 gefechtstechnischen Aufklärungsdrohnen ein. Noch offen ist für die taktische Ebene der Ersatz des Tracker-Drohnen-Aufklärungssystems, das 2013 bestellt und 2016 geliefert wurde.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
In der Ukraine holen Abfangdrohnen taktische Aufklärungsdrohnen sowie taktische Angriffsdrohnen und Langstrecken-Kamikazedrohnen der Russen vom Himmel. Europa entwickelt noch. · © Wild Hornets

Für die Truppe gilt weiterhin – soweit es eben geht – das Motto „Train as you fight”, die Beschaffungszyklen westlicher Armeen dagegen haben sich völlig von der Realität des Krieges entfernt. Der Haken daran: Ein militärischer Konflikt, für den man ja verteidigungsfähig werden will, richtet sich nicht nach den eingespielten Zeitabläufen westlicher Beschaffungsmodalitäten.

Rechenbeispiel: Was ein Frieden ohne Kontrolle bedeuten könnte

Wie trügerisch ein Friedensschluss in der Ukraine ohne begleitendes Regelwerk und ohne dessen Kontrolle sein kann, macht eine theoretische Berechnung deutlich.

Geht man von der derzeit geschätzten russischen Fertigungsrate von 500 Langstrecken-Angriffsdrohnen pro Tag aus, wächst innerhalb von neun Monaten ein Lager von 135.000 Stück heran. Läuft die Fertigung weiter, könnte Russland anschließend 142 Tage lang in jeder Minute eine Drohne starten – 1.440 pro Tag, fast fünf Monate lang. Erst danach müsste der Einsatz wieder auf das Niveau der Fertigungsrate sinken.

Bei taktischen Drohnen mit KI-Modulen ergibt sich auf Basis einer Jahresfertigung von sieben Millionen Systemen nach nur neun Monaten Frieden ein theoretischer Lagerstand von 5,25 Millionen. Zum Vergleich: Die NATO zählt Stand 2026 insgesamt etwa 3,42 Millionen aktive Soldaten.

Fotocredits

© Ukraine MoD · © Idnes · © 411hawks via Instagram · © Archiv · © Ministry of Defense of the Russian Federation · © The Fourth Law · © Tetiana Chornovol via Facebook · © Wild Hornets
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