Drohnenabwehr mit F-16: Ukrainisches Geschwader hat mehr als 1.000 russische Drohnen abgeschossen
Ein stellvertretender Geschwaderkommandeur mit dem Rufnamen „AB” schildert beim Mitchell Institute, wie die Ukraine mit F-16 Drohnenabwehr betreibt, warum verteilte Stationierung wirkt und welche Unterstützung noch fehlt.

Mehr als 1.000 abgeschossene russische Drohnen und Marschflugkörper vom Typ Shahed werden inzwischen jenen ukrainischen Fliegern zugeschrieben, zu denen ein Kampfpilot mit dem Rufnamen „AB” zählt – seinen Namen nennt er aus Sicherheitsgründen nicht. Als stellvertretender Kommandeur eines ukrainischen Jagdgeschwaders gewährte der erfahrene Pilot dem Mitchell Institute for Aerospace Studies, das Generalleutnant a. D. David A. Deptula (USAF) leitet, ungewöhnliche Einblicke: Es ging um den laufenden Umbau der ukrainischen Luftstreitkräfte und um Drohnenabwehr aus dem Cockpit.
Von der MiG-29 ins Cockpit der F-16
Lange vor der russischen Besetzung der Krim 2014 flog „AB” bereits sowjetische MiG-29-Kampfjets. Innerhalb der letzten zwei Jahre schulte er auf die F-16 Block 10 und Block 15 um, die die Niederlande, Dänemark, Norwegen und Belgien geliefert haben.
Über die Leistung der neuen Maschinen urteilt der Pilot betont sachlich: „Es geht eigentlich ganz gut”. Die Einsatzbedingungen seien so extrem, dass sie selbst die modernsten Luftstreitkräfte an Grenzen bringen würden – die F-16 hätten diese Bewährungsprobe dennoch bestanden. Im Vergleich mit den älteren sowjetischen Mustern liefern sie laut „AB” ein „deutlich verbessertes Situationsbewusstsein, modernere Radarsysteme, präzisere Schlagkraft und größere Flexibilität im Luftkampf”.

Vier von fünf Einsätzen – auch zur Drohnenabwehr
Rund 80 Prozent aller Einsätze der ukrainischen Luftstreitkräfte entfallen nach Darstellung von „AB” mittlerweile auf die F-16. Das spreche für die Zuverlässigkeit der Jets ebenso wie für die bemerkenswert steile Lernkurve der Piloten. Russische Marschflugkörper sowie iranische Shahed/Geran-Drohnen hat sein Geschwader nach eigenen Angaben „in Hunderten Einsätzen” abgefangen. In der Praxis verhalten sich diese Systeme häufig wie präzisionsgelenkte Langstreckenwaffen.
Drei bekannte Verluste haben die „Ukraine Falcons” allerdings ebenfalls erlitten. Parallel dazu bleibt die alternde Flotte aus MiG- und Suchoi-Mustern im Einsatz, auch wenn die Probleme wachsen: Es mangelt an Ersatzteilen, und die Wartungskapazitäten im Westen des Landes waren wiederholt Ziel von Angriffen. Verstärkt hilft nun der Westen aus, etwa mit Ersatzteilreserven aus dem „Boneyard” der US Air Force in Davis-Monthan (Arizona).
Erfindungsgeist statt Ausbildungssystem
Etablierte Ausbildungssysteme oder technische Unterstützung vor Ort gab es nicht. Wie man die F-16 wirksam wartet, bewaffnet und fliegt, mussten sich ukrainische Piloten und Techniker in den USA und in Rumänien daher selbst aneignen. Nach Angaben von „AB” entstanden dabei eigene Taktiken, Techniken und Verfahren, die die Überlebensfähigkeit der Jets in einem der gefährlichsten Luftkampfumfelder der Welt steigern sollen.
Verteilte Stationierung nach dem ACE-Prinzip
Grundlage für die ukrainische F-16-Truppe ist Agile Combat Employment (ACE): eine flexible, auf viele Standorte verteilte Stationierung („dispersed basing”) unter ständigem Beschuss. Maschinen und Besatzungen wechseln laufend zwischen verschiedenen, häufig improvisierten Flugplätzen. So sollen russische Aufklärung und russische Angriffe ins Leere gehen.
Bemerkenswert findet „AB”, dass fast vier Jahre russischer Raketen- und Luftangriffe keinen einzigen ukrainischen Luftwaffenstützpunkt vollständig zerstört oder dauerhaft lahmgelegt haben. Die praktische Wirksamkeit von ACE belege die Ukraine damit eindrucksvoller, als es irgendeine NATO-Übung könnte.

EloKa entscheidet mit
Flugzeuge allein entscheiden den modernen Luftkrieg nach den Worten von „AB” schon lange nicht mehr. Die elektronische Kampfführung (EloKa) habe sich zu einem entscheidenden Faktor entwickelt. Russische Störsysteme, Spoofing (Signalverfälschung) und Identitätsangriffe machen Einsätze deutlich schwieriger. „Ukrainische Einheiten arbeiten daher permanent daran, ihre EW-Gegenmaßnahmen anzupassen, um den taktischen Vorteil im elektromagnetischen Spektrum zu halten.”
Ukraine als Testfeld künftiger Luftkriege
Deptulas Institut sieht im ukrainischen Luftkrieg ein „lebendes Labor”, aus dem westliche Luftstreitkräfte wertvolle Lehren ziehen können. Laufend werden dort Taktiken verfeinert und komplexe Operationen ohne Hilfe von außen umgesetzt; zugleich wird sichtbar, wie ACE-Prinzipien unter echten Kriegsbedingungen funktionieren.
Kritik übt „AB” daran, dass US-amerikanische und europäische Luftstreitkräfte bisher kaum vor Ort mitwirken oder beobachten können. Er nennt das „Eine verpasste Gelegenheit” – schließlich studiert Russland die ukrainischen Taktiken und passt sich an, und auch China, Nordkorea und Iran lernen aufmerksam mit.
Dank an die USA, Bedarf an Jets und Raketen
Am Ende des Gesprächs dankte „AB” dem amerikanischen Volk ausdrücklich für die bisher geleistete Unterstützung. Allerdings sei der Krieg „noch lange nicht gewonnen”.
Weitere Ressourcen seien nötig, forderte er – allen voran moderne EloKa-Systeme und nachhaltige logistische Unterstützung. Seine klare Ansage: „F-16 Block 70 und mehr Raketen. Es gibt so viele Ziele, die es auszuschalten gilt.”
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