Drohnenabwehr und das Raketen-Dilemma: Warum teure Abfangraketen gegen die Drohnenflut nicht reichen
Ein AIM-120C-7-Wrackteil im polnischen Tomatenfeld steht für ein Kostenproblem der Drohnenabwehr: Hunderte Drohnen täglich gegen wenige Millionen-Euro-Raketen. Abfangdrohnen und APKWS gelten als Auswege – und Österreich?

Ein Trümmerstück in einem Tomatenfeld, beschriftet mit „AIM-120C-7”, bringt die derzeitige Lage der Flugabwehr und Drohnenabwehr wohl so eindrücklich auf den Punkt wie kaum ein anderes Bild. Gefunden wurde es, nachdem in Polen russische Gerbera-Drohnen abgeschossen worden waren.
Hunderte Geran-2- und Gerbera-Drohnen verlassen in Russland jeden Tag die Fertigung. Eine Gerbera kostet um die 10.000 Euro, eine Geran-2 zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Raytheon wiederum hat im Vorjahr nur rund 1.400 AIM-120-AMRAAM-Raketen gebaut, zu einem Stückpreis von etwa 1,5 Millionen Euro.
Daraus folgt zweierlei: Die Zahl der gefertigten Drohnen übersteigt jene der Abfangraketen um das 100- bis 150-Fache, und gleichzeitig kostet jede Rakete 100- bis 150-mal so viel wie das Ziel, gegen das sie eingesetzt wird. Dass sich ein solches Verteidigungsmodell auf Dauer nicht durchhalten lässt, erschließt sich auch ohne besondere Rechenkünste.

Ukraine: Kampf der Fernlenkwaffen
Zur Klarstellung: Nicht nur die NATO und/oder die Ukraine haben mit diesem Missverhältnis zu kämpfen. Ebenso sehen sich Russland und potenziell sämtliche anderen Streitkräfte vor dem Dilemma, riesige Mengen fliegender Abstandswaffen mit kostspieligen Raketen abwehren zu müssen, die nur in begrenzter Zahl verfügbar sind.
Wer solche Ziele angreifen kann, wird in künftigen Konflikten deshalb sehr schnell den Ursprung dieser Angriffsdrohnen – ihre Fabriken – zum vorrangigen Ziel machen.
Ukrainian FPV interceptors are now actively hunting down larger Russian drones, seen here destroying a pair of Forpost-R medium-altitude long-endurance (MALE) UAVs.
Ukrainian interceptors continue to severely degrade Russian UAV coverage. pic.twitter.com/uwDVHuQ7Mh
Bereits vor zwei Jahren hat die Ukraine diese Entwicklung erkannt und begonnen, neue Abwehrmittel zu entwickeln. Russische Aufklärungs- und Angriffsdrohnen in stetig wachsender Zahl hatten die vorhandenen Bestände an Flugabwehrraketen aller Art stark aufgezehrt. Als Lösung erwiesen sich Abfangdrohnen: Ein Pilot steuert sie aus der Ferne und führt entweder eine Kollision herbei oder zündet nahe der Zieldrohne einen Sprengsatz. Eine Abfangdrohne kostet im niedrigen bis mittleren vierstelligen Euro-Bereich.

Abfangdrohnen gefragt
Dem Kyiv Independent zufolge fragen inzwischen mehrere EU- bzw. NATO-Staaten nach diesen Drohnenabfangjägern an, namentlich Polen, Deutschland, Estland, Lettland und Litauen.
Ukrainian FPV interceptor in action. 0:08 pic.twitter.com/IcDppN8yY6
Gesucht werden sowohl vom Militär als auch von der Rüstungsindustrie Lösungen für den Bereich zwischen den Hochleistungsraketen großer Reichweite und den Nahverteidigungssystemen, bei denen es sich meist um Schnellfeuer-Flugabwehrkanonen handelt.
Wie Abfangdrohnen effizient, schnell und wirksam in die Nomenklatur der Flugabwehrnetze integriert werden können, ist eine Frage für Fachleute. Dass dafür nicht viel Zeit bleibt, belegt jedenfalls die ukrainische Operation „Spinnennetz” („Spider Web„) gegen russische Bomber weit im Hinterland. Drohnen können praktisch überall und zu jeder Zeit zur Gefahr werden. Gestartet werden müssen sie nicht unbedingt jenseits der Grenze – das kann auch direkt vor dem Kasernentor geschehen.
Nothing better than an evening testing Interceptor Drones! ????
Help us take out russian aviation here: https://t.co/dF3rNk0bQw. $600 vs $120K recon drones, I know what returns a 20:1 for ???????????? pic.twitter.com/8Yqh1jZy9B
Bei der US Air Force sind unterdessen zehntausende „Billigraketen” des Typs APKWS bestellt worden. Die jüngste Generation der Hydra 70 ist weder sonderlich wendig noch besonders reichweitenstark und braucht überdies eine Laserzielbeleuchtung. Ein guter Pilot kann diese Schwächen jedoch wettmachen und so Drohnen in größerer Zahl abschießen. Bei Verfügbarkeit und Preis schneidet die APKWS deutlich besser ab als die Hochleistungs-Flugabwehrraketen.
Drohnenabwehr soll schneller kommen

Innenpolitisch erhöht in Österreich Verteidigungsministerin Klaudia Tanner den Druck: „Österreich und die europäischen Staaten müssen schneller verteidigungsfähig werden”, so die Ministerin.
Die ersten Mittel aus dem „Aufbauplan 2032+” hat Österreich vorrangig in die Nahverteidigung gelenkt. Beauftragt wurde die Modernisierung von Systemen, für die Gerät und Personal bereits vorhanden waren.
Den Anfang machten die fast vollständig verschossenen Mistral-Lenkwaffen: Bestellt wurden einige hundert Raketen der jüngsten Generation Mistral-3 und eine Modernisierung der optischen Zieleinrichtung. Im Dezember 2023 folgte die Vergabe des Auftrags für die grundlegende Erneuerung der 35-Millimeter-Zwillingsfliegerabwehrkanonen.
Zuletzt kam im Februar 2024 im Zuge einer Großbeschaffung von Radpanzern die Beschaffung von 36 Pandur Evolution mit Skyranger-Flugabwehrsystemen hinzu.
Größere Aufträge bremst derzeit die budgetäre Realität. Eingepreist in den „Aufbauplan 2032+” sind sowohl der gewünschte, bewaffnungsfähige Jet Trainer M-346FA, der auch für die Drohnenabwehr ausreichend schnell ist, als auch das Mittelstrecken-Flugabwehrsystem.

Bestellen kann das Bundesheer, was künftig zu bezahlen ist, aber erst, wenn feststeht, ob die Budgetmittel für 2027 und die Folgejahre freigegeben werden. Die Wehrsprecher aller Parteien haben zwar einem „gemeinsamen Kraftakt” für die Umsetzung des „Aufbauplans 2032+ zugestimmt” – die Entscheidung liegt aber bei Finanzminister Markus Marterbauer.
Fotocredits
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