Drohnenkrieg auf Distanz: Russland greift mit KI-Schwärmen und schwereren Sprengköpfen an
Drohnenkrieg im Wandel: Bei der Landeuro der AUSA in Wiesbaden zeichneten Experten nach, wie Russland Langstreckendrohnen heute einsetzt – und was die Ukraine dagegen aufbietet. RUSI-Analyst Justin Bronk zieht daraus eine klare Lehre für westliche Armeen.

Wie rasant sich Russlands Drohnenkrieg weiterentwickelt, vor allem bei Langstreckendrohnen, war kürzlich Thema beim Landeuro Symposium and Exposition in Wiesbaden. Ausgerichtet wurde es von der Association of the US Army (AUSA); Experten stellten dort neue Erkenntnisse vor.
Dreimal so viele Angriffe, andere Flughöhen
Den Angaben zufolge schickt Russland heute dreimal so viele Langstreckendrohnen los wie noch vor sechs Monaten. Angepasst wurden zudem Taktik und Technik: Früher flogen die Drohnen tief, um Radarsysteme zu unterfliegen. Heute steigen sie auf über 3.000 Meter und entziehen sich so der Bodenflak, etwa Maschinengewehren auf Pickups. Erst kurz vor dem Ziel gehen sie auf 500 bis 1.500 Meter herunter.
Attrappen, Streumunition, thermobarische Gefechtsköpfe
Rund die Hälfte der Drohnen sind schlichte Attrappen ohne Sprengkopf, die Flugabwehrsysteme täuschen sollen. Der Rest trägt mittlerweile bis zu 100 Kilogramm TNT – früher waren es üblicherweise 30 Kilogramm. Zwar sinkt mit der schwereren Sprenglast die Reichweite, in der Praxis genügen aber Starts aus „nur” 700 Kilometern Entfernung. Zum Teil werden auch Streumunition oder thermobarische Gefechtsköpfe verwendet.
Je nach Modell kosten die Drohnen zwischen 15.000 und knapp 200.000 Euro. Manche neuen russischen Typen haben Düsentriebwerke und fliegen bis zu 450 km/h schnell.
Schwarmangriffe per KI
Als entscheidender Gamechanger gilt künstliche Intelligenz. Per KI stimmen die neuesten Shahed-Modelle ihre Angriffe ab: Vor dem Zielgebiet sammeln sie sich und greifen dann als koordinierter Schwarm an, um die ukrainische Flugabwehr zu überlasten. Konnten im März noch 95 Prozent der Drohnen abgeschossen werden, sind es heute nur noch 70 bis 85 Prozent.
Was die Ukraine dagegen aufbietet
Nach Informationen der AUSA erreichen Maschinengewehre in der Punktverteidigung nur eine Erfolgsquote von rund 40 Prozent. Wirksamer sind Kanonen ab 23 Millimeter Kaliber, etwa die ZU-23 (bis 2.000 Meter) oder Gepard mit 35-Millimeter-Geschützen (bis 3.000 Meter). Von diesen Systemen hat die Ukraine allerdings zu wenige.
Auch Kampfjets wie F-16 oder MiG-29 jagen Drohnen, gehen dabei aber ein hohes Risiko ein. Abfangdrohnen mit Annäherungsdetonation schießen 70 Prozent ihrer Ziele ab; Positionslichter dienen ihnen zur Freund-Feind-Erkennung. Die Ukraine will künftig täglich 1.000 solcher Drohnen bauen, zu einem Stückpreis von knapp 5.000 Euro.
Bis zu 6 Milliarden Euro nötig
Allein für Abfangdrohnen beziffert die Ukraine den Bedarf zur Erreichung dieses Ziels auf rund 1,6 Milliarden Euro. Präsident Wolodymyr Selenskyj verlangt für die gesamte Drohnenkapazität, also einschließlich Langstrecken- und taktischer Drohnen, rund knapp 6 Milliarden Euro. Derzeit stellt die Ukraine etwa 200 Drohnen täglich her; möglich wären bis zu 350 – die Grenze setzt allein die Finanzierung.
Düsendrohnen als neue Gefahr
Neues Risiko bringen russische Düsendrohnen mit sich, wie sie zuletzt am 31. Juli in einer Gruppe von acht Drohnen zum Einsatz kamen. Bestehende Abfangdrohnen sind für sie zu langsam; derzeit lassen sie sich nur mit Raketen bekämpfen, die pro Stück 500.000 bis 1 Million Euro kosten. Wie schnell Russland die Produktion hochfahren kann, ist wegen Komplexität und Kosten noch offen.
Drohnenkrieg in Gegenrichtung: ukrainische Langstreckendrohnen
Umgekehrt greift die Ukraine Russland ebenfalls mit Langstreckendrohnen an. Nach aktuellen Informationen treffen von 50 gestarteten Drohnen etwa 10 ihr Ziel. Der Schaden bleibt meist begrenzt, weil Russland auf viele dezentrale Produktionsstätten zurückgreifen kann.

Trotzdem ist der Drohnenkrieg zum zentralen Bestandteil des Konflikts geworden – geprägt von wachsender Technologisierung, Automatisierung und finanzieller Abhängigkeit. Über die Lufthoheit der Zukunft wird immer häufiger auf der Ebene der Drohne entschieden.
Warnung vor der Blaupause Ukraine
Justin Bronk, Luftkriegsanalyst des RUSI-Instituts, warnt in einem aktuellen Videoauftritt beim US-Vlogger „Mooch” (ehemaliger F-14-Backseater) unter dem Titel „Why Drones Don’t Win Wars” ausdrücklich davor, den Drohnenkrieg der Ukraine gegen Russland als Blaupause zu sehen. Westliche Politiker und hochrangige Militärs sollten ihre eigene Ausrichtung oder Doktrin nicht daran orientieren – ohne dass der Brite die Leistungen der Ukraine damit schmälert.
Im Kern argumentiert Bronk so: In über drei Jahren habe Russland begonnen, sich gegen die inzwischen millionenfach eingesetzten unbemannten Luftfahrzeuge (UAV) wirksam zu verteidigen – jedenfalls deutlich effizienter, als es die oft träge agierenden europäischen Friedensbürokratien tun. Zudem habe Moskau, unter anderem mit Unterstützung aus dem Iran, eigene weitreichende Drohnensysteme zur Einsatzreife gebracht.
Alles auf Drohnenabwehr
Seine Schlussfolgerung: Für einen möglichen Konflikt mit Putins Russland sollten Europa und die USA nicht auf „Drohnenarmeen” bauen, sondern auf leistungsfähige Drohnenabwehr. Westliche Streitkräfte könnten nämlich aus organisatorischen und strukturellen Gründen Innovationszyklen auf Kompanie- oder Bataillonsebene nicht so schnell umsetzen, wie es die Ukraine im Kriegszustand notgedrungen tue.
Heute sei die Ukraine „UAV-Weltmarktführer” – diesem Vorsprung nachzujagen, bringe wenig. Als Leitprinzip für westliche Armeen gibt Bronk ein klares Fazit aus: „Alles in die Abwehr!”
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