Fire Point: Wie der ukrainische Hersteller mit FP-1, FP-2 und Flamingo Ziele tief in Russland trifft
Eine FP-1 traf eine Raffinerie im 2.400 Kilometer entfernten Tjumen: Fire Point ist binnen rund vier Jahren zum Hersteller von Langstreckendrohnen, Marschflugkörpern und Raketen gewachsen. Ein Überblick über FP-1, FP-2, Flamingo und die Partnerschaften in Europa.

Ende Juni 2026 dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine knapp 1.600 Tage. Fast jeden Tag greift Moskau das Nachbarland mit Langstreckenraketen und Drohnen an. Dass die Ukraine ihrerseits auch tief im russischen Hinterland empfindlich zuschlagen kann, hat sie nun erneut bewiesen: Am 20. Juni schlug eine FP-1-Langstreckendrohne des ukrainischen Herstellers Fire Point in der Ölraffinerie JSC Antipinsky in Tjumen ein – 2.400 Kilometer von der Ukraine entfernt.
Ukrainische Drohnen haben schon zahlreiche russische Energieunternehmen ins Visier genommen – bemerkenswert ist diesmal, wie weit das Ziel entfernt lag. Für rund 2.400 Kilometer Strecke war die Drohne vermutlich zwölf oder mehr Stunden unterwegs. Die Stadt Tjumen befindet sich etwa 350 Kilometer jenseits des Urals im Osten, also schon im asiatischen Teil Russlands.
Russlands Luftstreitkräfte verfügen über wenigstens 1.200 Kampfjets und über 1.400 Hubschrauber – auch diese wären schnell genug, um solche Drohnen abzufangen. Auf 90.000 bis 130.000 Mann wird die Gesamtstärke der bodengebundenen Luftverteidigung von Armee und Luftwaffe geschätzt. Das riesige Territorium, das sie schützen soll, überfordert sie trotzdem. Und die aus Sperrholz und Kunststofflaminat gebauten Systeme von Fire Point entwickeln sich zunehmend zu einer der größten Gefahren für das russische Hinterland.
Fire Point: Vom kleinen Team zum Großbetrieb
Gegründet wurde das Unternehmen Mitte 2022 von einer Gruppe aus Ingenieuren, Architekten und Spieledesignern. Ab November 2022 arbeitete ein Team von rund einem Dutzend Leuten am Drohnenmodell FP-1. Später folgte die FP-2 – die Antwort darauf, dass Einheiten an der Front eine Drohne mittlerer Reichweite von etwa 200 Kilometern verlangten. Von 18 Mitarbeitern im Jahr 2023 wuchs die Belegschaft bis September 2025 auf 2.200; die Produktionsfläche von 175.000 Quadratmetern verteilt sich auf mehrere geheime Standorte.
Forschung und Entwicklung betreibt der Hersteller selbst. Feststoffraketentreibstoff, Triebwerke, Navigationssysteme, Verbundwerkstoffe und weitere Komponenten entstehen im eigenen Haus. Zugleich zeigt sich das Unternehmen geschickt darin, COTS-Komponenten zu nutzen und Netzwerke zu knüpfen.
FP-1: Langstreckendrohne aus Sperrholz
Die FP-1 zählt zu mehreren ukrainischen Langstreckendrohnen, die für Angriffe tief im gegnerischen Raum ausgelegt sind. Bisher war für die propellergetriebene Einweg-Angriffsdrohne mit Rumpf aus Sperrholz eine Reichweite von 1.600 Kilometern dokumentiert; ihr Gefechtskopf wiegt zwischen 60 und 120 Kilogramm. Genau hier liegt eines der Geheimnisse der FP-1 und anderer ukrainischer Langstreckendrohnen: Sie lassen sich einfach anpassen. Je nach Mission kann die gesamte Tragfähigkeit entweder für mehr Treibstoff und damit mehr Reichweite oder für einen schwereren Gefechtskopf und damit größere Wirkung eingesetzt werden.
Neueste Entwicklungsstufe der FP-1 sind Flügeltanks. Gerüchten zufolge soll die Reichweite damit bis zu 2.700 Kilometer betragen – dass das keine Übertreibung sein muss, legt der Angriff auf Tjumen nahe.
Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb dazu am 21. Juni:
Gestern haben wir auf ihre Raffinerie in der Tjumen-Region gezielt. Zwei neue Fire-Point-Drohnen trafen ihr Ziel direkt – 2.070 Kilometer entfernt. Sie fliegen bereits über 2.500 Kilometer und werden künftig Ziele in einer Entfernung von mehr als 3.000 Kilometern erreichen können. Das sind neue Drohnen. Wir werden weitergehen, weil wir wissen, wo sich ihre Militärfabriken, Ölbasen, Gasspeicher und andere strategische Einrichtungen befinden. Wir brauchen ein Instrument für noch größere Entfernungen.— Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine
Verbessert wurde im Lauf der Zeit nicht nur die Reichweite, sondern kontinuierlich auch das Navigationssystem. Wie jüngste Analysen russischer Experten zeigen, sitzt im Kern der Geräteausstattung ein Autopilot vom Typ Pixhawk Cube Orange. Ursprünglich für zivile Anwendungen entwickelt, kostet das Gerät eigentlich ab rund 350 Euro – derzeit ist es aber selbst zu deutlich höheren Preisen kaum zu bekommen.
Hinzu kommen hochwertige Viermodul-CRP-Antennen, die GPS-Störsignale herausrechnen, damit das eigentliche Satellitennavigationssignal weiterhin empfangen wird. Ebenfalls Teil des Systems sind ein Radarhöhenmesser und das Sinelink-B5-Navigations- und Kommunikationsmodul.
Als Antrieb dient der FP-1 ein Zweizylinder-Kolbenmotor, gestartet wird sie mit einem abwerfbaren Feststoffbooster. Die 330 Kilogramm schwere Drohne fliegt bis zu 205 km/h schnell und kann bis zu 18 Stunden in der Luft bleiben. Schätzungen zufolge entfallen inzwischen rund 50 Prozent der ukrainischen Tiefschlagangriffe gegen russische Industrieziele auf Fire-Point-Drohnen. Pro Stück kostet eine Drohne etwa 48.000 Euro. Das ist viel Geld – große westliche Rüstungsunternehmen zeigen einem für solche Summen allerdings meist nur den Weg zum Ausgang.
FP-2: Standardisiert für die Massenfertigung
Von außen ist die FP-2 kaum von der FP-1 zu unterscheiden. Mit dieser Variante wird eindeutig eine möglichst weitgehende Standardisierung angestrebt, um die Vorteile der Massenfertigung zu nutzen. Auf die aufwendiger herzustellenden Flügeltanks verzichtet die FP-2 sehr wahrscheinlich. Ihr Rumpf wirkt etwas kürzer, ihr Gefechtskopf ist tendenziell schwerer ausgelegt.
Den auffälligsten Unterschied gibt es bei den Zielkategorien. Raffinerien und Schlüsselbetriebe der russischen Rüstungsindustrie tief im gegnerischen Raum sind das Metier der FP-1. Die FP-2 dagegen bekämpft Flugabwehrsysteme und ihre Radare, Kommandoposten, Logistikziele und Munitionslager im rückwärtigen Frontbereich. Mitte Mai etwa vernichteten FP-2-Drohnen das Hauptquartier von Russlands Inlandsgeheimdienst FSB auf der Arabat-Nehrung (Krim).
Jüngst nannte der russische Milblogger Rybar einen 200-Kilogramm-Sprengkopf und eine Reichweite von bis zu 370 Kilometern – die FP-2 wird also offensichtlich laufend verbessert. In den vergangenen Monaten fielen zudem Einsätze in Gruppen beziehungsweise Schwärmen auf. Genau dafür ist das bereits erwähnte Sinelink-Modem gedacht. Per Time of Arrival (ToA) erlaubt sein Signal einer Drohnengruppe, ohne GPS zu navigieren, und macht zugleich jede einzelne Drohne zum Repeater. Ein einzelner Operator kann so mehrere Drohnen in Echtzeit steuern, auch tief im Hinterland der gegnerischen Stellungen. Während der Mission lassen sich Flugrouten anpassen sowie bewegliche Ziele verfolgen und angreifen.
FP-5 Flamingo: Der rosa Marschflugkörper
Den Marschflugkörper FP-5 Flamingo präsentierte Fire Point Mitte 2025. Seine auffällige rosa Farbe soll auf einen fehlerhaft übermittelten Farbcode für den Prototypen zurückgehen – stimmt die Geschichte nicht, ist sie zumindest gut erfunden. Jedenfalls stand das Unternehmen mit dem rosafarbenen Marschflugkörper auf einen Schlag im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit.
Die FP-5 fliegt mit einem Turbofan-Triebwerk. Bislang ging man davon aus, dass ein Ivchenko AI-25 verbaut ist, wie man es aus der Aero L-39 Albatros kennt. In einem Interview mit Sergiy Peichev sagte Denys Shtilierman jedoch, dass die Triebwerke derzeit der größte Engpass im FP-5-Programm seien. Darüber hinaus musste der Hersteller Probleme beim Import von Komponenten aus Europa und den USA lösen. Genaueres zum Antrieb dürfte erst bekannt werden, wenn russische Analysten Wrackteile untersuchen und ihre Ergebnisse veröffentlichen.
Als Gefechtskopf vermutet man eine Sprengbombe Mk84 mit 925 Kilogramm Gewicht oder deren bunkerbrechende Ausführung BLU-109/B.
Die angegebene Reichweite beträgt bis zu 3.000 Kilometer. Fire Point zufolge verlassen derzeit drei FP-5 täglich die Fertigung; gesteigert werden soll das auf sieben pro Tag. Grundsätzliche Zweifel daran äußern russische Milblogger nicht. Russische Beobachter schätzen: Sollten diese Stückzahlen erreicht werden, legt die Ukraine derzeit einen Vorrat an FP-5 für einen großangelegten Massenangriff an. An strategisch bedeutsamen Zielen fehlte es jedenfalls nicht.
Zu den bisherigen Einsatzzahlen durfte Shtilierman im Interview mit Sergiy Peichev nichts sagen. Open-Source-Analysten haben bislang neun Einsätze verifiziert, bei denen mindestens 39 Flamingo-Marschflugkörper gestartet wurden; sechs davon erreichten ihr Ziel. Mit wachsender Einsatzerfahrung zeichnet sich eine steigende Trefferquote ab, die auch Shtilierman bestätigt.
Rund 600 Kilometer östlich von Moskau – etwa 1.000 Kilometer tief im russischen Staatsgebiet – liegt Tscheboksary. Dort traf am 10. Juni eine FP-5 Flamingo den Rüstungsbetrieb WNDIR Progress. Selbst Fachleute, deren Beruf militärische Tiefschlagoperationen sind, zeigen sich davon beeindruckt.
Den bislang erfolgreichsten Einsatz gab es am Morgen des 27. Juni. Ziel war Titan-Barrikady in Wolgograd (ehemals Stalingrad), ein Hersteller von Raketen-Trägerfahrzeugen: Von den mutmaßlich fünf gestarteten Marschflugkörpern schlugen drei direkt in die Werkshallen des Rüstungsbetriebs ein.
Volgograd welcomes the seasonal migration of flamingos from Ukraine. To be continued… pic.twitter.com/n2tHkSySm0— Denys Shtilierman (@DenShtilierman) June 27, 2026
Nächster Schritt: ballistische Raketen
Die ballistischen Raketen FP-7 und FP-9 befinden sich bei Fire Point mitten in der Entwicklung. Gezeigt wurden auf der Pariser Waffenmesse Eurosatory echte Raketen statt Modelle, wenn auch ohne Navigationsausrüstung und Sprengköpfe. Das Unternehmen will bis Mitte des Jahres so weit sein, ballistische Raketen bis Moskau einsetzen zu können. Noch fehlen ein Test des Motors und einer im Flug. Gelingen beide, ist Moskau als erstes Einsatzziel vorgesehen – das wäre die nächste „rote Linie”.
Für Shtilierman hat sich die FP-7 als ballistische Kurzstreckenrakete – ihre ursprünglich geplante Rolle – wirtschaftlich bereits überlebt. Mit FP-2-Drohnen könne man Ziele in 200 bis 300 Kilometern Entfernung heute zu ungefähr einem Zehntel der Kosten angreifen. Deshalb ist vorgesehen, dass die FP-7 künftig als Basis eines paneuropäischen Raketenabwehrsystems dient.
Partner in Europa und am Golf
Die Erfolge wirken sich auch wirtschaftlich aus. Um seine Fähigkeiten auszubauen und international mehr Reichweite zu gewinnen, hat Fire Point mittlerweile mehrere strategische Partnerschaften und Joint Ventures geschlossen. Bei dem erst rund vier Jahre alten Unternehmen gehen inzwischen zahlreiche Branchengrößen ein und aus.
Unter dem Titel „Build with Ukraine” wurden am 14. April 2026 in Berlin sechs ukrainisch-deutsche Verteidigungskooperationen unterzeichnet; Fire Point ist Teil dieses größeren Pakets.
Hervorzuheben ist vor allem eine Vereinbarung zur Technologiekooperation mit dem deutschen Luftverteidigungsspezialisten Diehl Defence, die auf gemeinsame Technologieentwicklung und Know-how-Transfer abzielt.
Darüber hinaus unterzeichneten Fire Point und Hensoldt im Juni 2026 auf der Eurosatory in Paris ein Memorandum of Understanding (MoU) zur Entwicklung des paneuropäischen Raketenabwehrsystems Freyja.
Hensoldt soll dabei insbesondere Radarsysteme des Typs TRML-4D beisteuern. Fire Point übernimmt die Rolle des Systemintegrators und entwickelt und integriert die Abfangraketen FP-7.x. Berichten zufolge gab es außerdem Gespräche mit Kongsberg Defence & Aerospace und Thales.
Ein weiteres Standbein ist das ukrainisch-dänische Mil-Tech-Unternehmen Fire Point Rocket Technologies (FPRT), dem Fire Point angehört. Es befasst sich schwerpunktmäßig mit Festtreibstoffen und Bauteilen für Raketenantriebe.
Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten meldete die Edge Group Interesse an und bot für 30 Prozent der Anteile rund 662 Millionen Euro. Bislang fehlt dafür jedoch die Zustimmung des ukrainischen Antimonopolkomitees.
Geplant sind außerdem Produktionsprojekte gemeinsam mit europäischen Regierungen; Gegenstand der Gespräche sind Langstrecken-Angriffswaffen sowie das Raketenabwehrsystem Freyja.
Beobachter schätzen es als „durchaus realistisch” ein, dass Diehl Defence und Fire Point ihre Kooperationsvereinbarung um eine gemeinsame Fertigung in Deutschland erweitern.
Hintergrund ist eine Entscheidung von US-Präsident Donald Trump: Er hat die Stationierung amerikanischer Langstreckensysteme in Deutschland zurückgezogen. Ausgelöst hatte das Bundeskanzler Friedrich Merz, der bei einer Diskussion an einer Schule im sauerländischen Marsberg Trump und dessen Iran-Strategie deutlich kritisiert hatte.
Deutschland muss sich damit nun selbst um seine konventionelle Abschreckungsfähigkeit kümmern, und Fire Point wäre ein möglicher Partner. Der ukrainische Hersteller hat eindrucksvoll gezeigt, wie weit im russischen Hinterland Ziele mit konventionellen Mitteln bekämpft werden können – kein anderes ukrainisches Waffensystem hat bisher so tief in Russland erfolgreich getroffen.











Fotocredits
© Unmanned Magazine/Rosenkranz · © Fire Point · © Archiv · © HensoldtWeiterlesen

Loitering Munition Virtus von Stark: Panzerbrigade 45 „Litauen“ erprobt das System bei „Freedom Shield 2026“

Drohnenstationen für die Seeüberwachung: Rift beginnt Tests vor der französischen Küste

Seedrohnen für die Ostsee: Schweden kauft Überwachung von Saildrone als Dienstleistung

Seedrohnen: Eviden stellt mit SMX einen elektromagnetischen Navigationssensor vor

