Wenn Drohnen gegen Drohnen kämpfen
Danylo Shynhelskyi ist Veteran der ukrainischen Armee und arbeitet heute für die NGO „Come Back Alive”. Im Interview erklärt er, wie die Ukraine mit günstigen Abfangdrohnen gegen russische Aufklärungs- und Angriffs-Drohnen kämpft.

Sie waren drei Jahre lang in der ukrainischen Armee, begannen als Pilot und führten später ein Angriffselement, bevor Sie wegen einer Verwundung ausscheiden mussten. Heute arbeiten Sie für die Organisation „Come Back Alive”. Wie sieht Ihr Job aus?
Wir sind ein strategischer Partner der ukrainischen Streitkräfte. Wir beschaffen Ausrüstung – von Drohnen über Autos bis hin zu Waffen. Aber noch wichtiger: Wir bauen Brücken zwischen dem Verteidigungssektor, militärischen Einheiten und ausländischen Partnern. Wir müssen verstehen, was an der Front passiert. Wenn man das nicht versteht, weiß man nicht, wie man helfen kann. Da staatliche Prozesse oft langsam sind, versuchen wir, neue Technologien und Taktiken viel schneller in die Einheiten zu bringen.
Sie sind eine NGO, aber Sie kaufen militärisches Gerät. Wie funktioniert das neben den staatlichen Beschaffungen?
Wir wurden 2014 gegründet, als es an allem fehlte, sogar an Schutzwesten. Heute sind wir die erste NGO in der Ukraine, die die Erlaubnis hat, Waffen, Maschinengewehre und Panzerung direkt zu kaufen. Seit Beginn haben wir mehr als eine Milliarde Euro gesammelt.
Eine Milliarde Euro? Das ist beeindruckend. Wer sind Ihre Sponsoren?
Zu Beginn waren es ganz normale ukrainische Bürger, die von einer Ukrainischen Hrywnja aufwärts gespendet haben. Mittlerweile arbeiten wir auch stark mit ukrainischen Unternehmen zusammen. Jedes Unternehmen versteht heute, dass eine Shahed-Drohne ihr Geschäft zerstören kann. Außerdem haben wir Partner im Ausland, etwa eine norwegische NGO, mit deren Hilfe wir Pick-up-Trucks für das Projekt „Dronefall” kaufen konnten.

Wie hat sich die Drohnensituation seit Kriegsbeginn verändert?
Als ich vor der russischen Invasion bei den ukrainischen Streitkräften angefangen habe, kannten wir FPV-Drohnen kaum. Ich war zu Kriegsbeginn Pilot einer Aufklärungsdrohne, ähnlich einer Mavic. Meine Aufgabe war es, Russen in den Wäldern zu finden oder ihre Logistik aufzuklären. Heute ist die Situation eine völlig andere. FPV- und Angriffsdrohnen gehören zur Tagesordnung. Daher gibt es mit „Dronefall” eine neue Initiative, um mit mobilen Einheiten gezielt russische Angriffsdrohnen abzuschießen.
Welche Entwicklungen machen Sie dabei?
Wir haben über hundert Whats App-Chats mit Einheiten der Luftverteidigung. Wir sprechen täglich mit ihnen, um zu sehen, welche Technologie Perspektive hat. Ein Beispiel: Niemand hat anfangs geglaubt, dass eine Abfangdrohne für 1.000 Euro eine russische Drohne für 15.000 Euro oder gar eine Shahed zerstören kann. Heute fangen wir tausende Shaheds pro Monat mit billigen FPV-Drohnen ab. Wir skalieren diese Technologie massiv hoch.
„Niemand hat anfangs geglaubt, dass eine Abfangdrohne für 1.000 Euro eine russische Drohne für 15.000 Euro oder gar eine Shahed zerstören kann. Heute fangen wir tausende Shaheds pro Monat mit billigen FPV-Drohnen ab.“
Wann wurde Ihnen klar, dass Abfangdrohnen, „Interceptors”, so mächtig sein würden?
2023 wurden FPV-Drohnen zum Massenprodukt gegen Panzer. Aber dann bekamen wir ein neues Problem: russische Aufklärungsdrohnen wie Orlan, Zala oder Supercam. Sie kreisen über unseren Positionen und lenken Artillerie oder Raketen. Sogar eine MiG-29 wurde auf einem weit von der Grenze entfernten Luftwaffenstützpunkt so zerstört. Wir begriffen: Wenn wir diese Systeme nicht ausschalten, verlieren wir.
Also setzen Sie Drohnen gegen Drohnen ein?
In Europa wird oft über Raketen gesprochen. Aber erstens haben wir nicht genug davon, und zweitens kann man nicht einfach in ein Lager gehen und 100 Raketen kaufen, wenn die Russen Drohnen in Massen einsetzen. FPV-Abfangdrohnen sind die Lösung. Aber man hat Probleme: Der Himmel ist riesig. Man muss genau wissen, wo die Drohne ist. Man braucht Radarsysteme und die Technik, um die Daten zusammenzuführen.

Wie bekämpft die Abfangdrohne den Gegner? Rammt sie ihn einfach?
Es gibt zwei Wege. Man kann sie rammen, aber normalerweise haben wir eine kleine Sprengladung von etwa 100 Gramm an Bord. Wenn man nahe genug an der russischen Drohne ist, drückt man den Knopf, die Drohne explodiert und zerstört die feindliche.
Steuert der Pilot das mit einer VR-Brille?
Am Anfang sind die Piloten mit Brillen ins Feld gegangen. Heute ist das anders. Die Russen versuchen, jeden zu töten, der in der Luftabwehr arbeitet. Deshalb sitzen die Piloten in Bunkern. Die Antennen sind draußen an Bäumen montiert, drinnen hat der Pilot seinen Bildschirm und auf einem zweiten Monitor das Luftlagebild.
Wie werden die feindlichen Drohnen aufgeklärt?
Wir nutzen kleine taktische Radarstationen. Wir haben in der Ukraine ein System entwickelt, das Daten von verschiedenen Radarstationen sammelt und auf einer Oberfläche darstellt. So sieht der Pilot in seinem Sektor jede Drohne am Himmel.
Werden die Abfangdrohnen per Funk gesteuert? Gibt es Probleme mit elektronischer Kampfführung beziehungsweise Jamming?
Ja, wir nutzen Funkfrequenzen. Kabelfernsteuerung geht wegen des Windes in der Höhe nicht. Jamming ist ein Problem, aber wir haben Technologien entwickelt, die schwer zu stören sind. Oft ist das Problem eher das eigene Jamming und die Koordination zwischen den Einheiten im selben Sektor.
„Die Ukraine ist riesig, wir können nicht jedes Kraftwerk einzeln schützen. Wir müssen die Drohnen an der Grenze abfangen.“
Wie erfolgreich sind diese Interceptor-Drohnen im Einsatz?
Viele im Westen denken, das seien nur „Billigwaffen”. Aber in Wahrheit sind sie der einzige Weg, so viele Ziele abzufangen. Man kann nicht 500 Shaheds pro Nacht mit Patriot-Raketen bekämpfen. Selbst wenn man das Geld hätte, gäbe es nicht genug Raketen. Wir bauen eine gestaffelte Verteidigung auf. Im März dieses Jahres haben wir insgesamt über 30.000 russische Drohnen abgefangen, davon 6.000 allein durch Einheiten, die am Projekt „Dronefall” beteiligt sind.
Sie bauen also einen Schutzschild entlang der Grenze?
Genau. Die Ukraine ist riesig, wir können nicht jedes Kraftwerk einzeln schützen. Wir müssen die Drohnen an der Grenze abfangen. Dort eingesetzte Verbände, etwa Infanteriebrigaden, schaffen etwa ein Drittel, die Flugabwehreinheiten ein weiteres Drittel. Die letzte Linie bilden Einheiten, die rein mit Interceptor-Drohnen arbeiten und damit das restliche Drittel ausschalten. Für Ziele tief im Land setzen wir zudem Hubschrauber ein, da Interceptor-Drohnen dort wegen der Funkreichweite Probleme haben.

Können Interceptor-Drohnen auch gegen russische Hubschrauber oder Kampfjets eingesetzt werden?
Theoretisch ja, aber Hubschrauber fliegen oft sehr tief, was die Funkverbindung zur Bodenstation schwierig macht. Aber russische Hubschrauber sind heute kein so großes Problem mehr wie vor drei Jahren. Wir haben schon so viele abgeschossen. Das Hauptproblem sind heute Shaheds und Zala-Lancet-Drohnen (Anmerkung: Loitering Ammunition).
Welche Entwicklungen erwarten Sie bei Drohnen in nächster Zeit?
Die Drohnen werden immer schneller. Die Russen verbessern ihre Aufklärer ständig, also müssen wir unsere Motoren und Frequenzen alle zwei Monate anpassen. Wir produzieren mittlerweile etwa die Hälfte der Komponenten in der Ukraine. Nur Wärmebildkameras müssen wir noch importieren. Das größte Problem ist aber nicht die Kapazität, sondern der Mangel an Piloten.
Wie lösen Sie dieses Personalproblem?
Wir arbeiten mit Ausbildungszentren zusammen. Die kämpfenden Verbände haben keine Zeit, neue Leute zu schulen. Gleichzeitig machen wir die Drohnen autonomer. Wir entwickeln „Last-Mile-Lösungen”: Wenn die Abfangdrohne die Shahed einmal sieht, verfolgt und zerstört sie diese automatisch ohne Piloten. Das erlaubt es uns, auch weniger qualifiziertes Personal einzusetzen. Außerdem entwickeln wir Systeme, bei denen ein Pilot von Kiew aus eine Drohne im Donbass steuern kann. So können wir unsere besten Piloten dort einsetzen, wo sie gerade am dringendsten gebraucht werden.

Wie viel kostet eine solche Abfangdrohne ungefähr?
Eine normale FPV-Interceptor-Drohne kostet etwa 1.000 Euro. Eine Anti-Shahed-Version mit Wärmebildkamera liegt bei 2.000 Euro. Die Kamera ist das Teuerste. Es gibt auch größere Modelle, die wie kleine Flugzeuge aussehen und bis zu 3.000 Euro kosten. Diese können viel weiter fliegen. Ich habe Videos gesehen, wie wir eine russische Orlan zehn Kilometer hinter der Frontlinie abgefangen haben.
Fotocredits
© POSIPAKY · © POSIPAKY, Come Back Alive FoundationWeiterlesen

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