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Unmanned Systems / Aerial Drones

Loitering Munition neu gedacht: Aerovironment positioniert Mayhem 10 als vernetzten Mehrrollen-Effektor

Der Switchblade-Hersteller hält das Bild der „fliegenden Kamikaze-Drohne“ für überholt: Mayhem 10 soll mehr sein als eine Loitering Munition und je nach Lage aufklären, stören, täuschen oder wirken. Die Serienfertigung soll bis Herbst 2026 beginnen.

Mayhem 10
© AeroVironment

Kaum ein Unternehmen hat das Konzept moderner Loitering Munitions so stark beeinflusst wie Aerovironment mit seiner Switchblade-Familie. Für die Anforderungen heutiger Gefechtsfelder genügt die klassische Idee einer „fliegenden Kamikaze-Drohne” aus Sicht des Herstellers allerdings nicht mehr. Mit dem kürzlich vorgestellten Mayhem 10 will Aerovironment daher ein System anbieten, das die Rolle einer reinen Loitering Munition klar hinter sich lässt.

Brian Young, Senior Vice President of Loitering Munitions bei Aerovironment, beschreibt den bisherigen Ansatz so: „Über viele Jahre lautete die entscheidende Frage bei Präzisionswaffen: Kann man das Ziel finden und treffen?” Eine ganze Kategorie von Waffensystemen sei von dieser Denkweise geprägt worden. An die Konflikte von heute knüpften sich jedoch andere Anforderungen.

Mehr als eine Loitering Munition

Bedrohungen seien heute dynamischer, stärker verteilt und schwieriger zu identifizieren als noch vor wenigen Jahren. Zugleich seien viele Systeme nach wie vor auf eine einzige Aufgabe zugeschnitten und schon vor Beginn der Mission auf einen bestimmten Effekt festgelegt.

An diesem Punkt soll Mayhem 10 laut Hersteller ansetzen. Entwickelt wurde es als sogenannter Multi-Role Launched Effect, der den Anwendern spürbar mehr Handlungsspielraum verschaffen soll. Einsetzen lässt sich das System demnach nicht nur klassisch kinetisch, sondern auch für Aufklärung, Zielidentifikation, elektronische Kampfführung, Kommunikationsweiterleitung oder Täuschung.

Es geht nicht mehr nur darum, eine Wirkung ins Ziel zu bringen, sondern diese Wirkung während der Mission an die tatsächliche Bedrohung anzupassen— Brian Young, Aerovironment

Modulare Plattform mit offener Architektur

Den maßgeblichen Unterschied sieht Aerovironment in der Systemarchitektur: Mayhem 10 war von Anfang an als offene, modulare Plattform angelegt.

Integrieren lassen sich abhängig vom Einsatzprofil elektrooptische und Infrarot-Sensoren, Pakete für elektronische Kampfführung, Kommunikationsrelais oder verschiedene Wirkmittel. Software und Autonomiefunktionen können vergleichsweise einfach aktualisiert oder um Lösungen anderer Anbieter erweitert werden. Young unterstreicht: „Mayhem 10 ist nicht einfach nur eine Munition. Es ist eine Architektur”.

Praktisch heißt das: Ein einzelnes System kann in einen umkämpften Luftraum vordringen, Signale aufklären, Ziele identifizieren und danach eigenständig den passenden Effekt wählen. Aerovironment nennt dafür Reichweiten von rund 100 Kilometern und eine Flugdauer von bis zu 50 Minuten.

Kooperation mehrerer Systeme statt Schwarm-Schlagwort

Hervorzuheben ist der Ansatz für den gleichzeitigen Einsatz mehrerer Systeme. Aktuell ist oft von sogenannten „Drohnen-Schwärme” die Rede – ein Begriff, der nach Ansicht von Young zu kurz greift.

Es geht nicht darum, möglichst viele Systeme in die Luft zu bringen. Entscheidend sind koordinierte und kooperative Effekte, die gemeinsam eine Mission lösen.— Brian Young

Vorgesehen ist deshalb, dass mehrere Mayhem-10-Systeme verschiedene Rollen übernehmen. So kann etwa ein Flugkörper elektromagnetische Signale aufklären, während ein zweiter das Ziel per Sensorik und KI-gestützter Analyse identifiziert. Die gewünschte kinetische oder nicht-kinetische Wirkung bringt danach ein dritter Träger ins Ziel.

Ihre Informationen teilen die Systeme über ein gesichertes Mesh-Netzwerk; die Rollen lassen sich im laufenden Einsatz dynamisch verschieben.

Auch ohne GPS einsatzfähig

Besonderes Augenmerk gilt außerdem dem Einsatz in elektromagnetisch stark umkämpften Umgebungen. Wie verwundbar satellitengestützte Navigation und Kommunikationsverbindungen sind, zeigen moderne Konflikte immer deutlicher.

Ausgelegt ist Mayhem 10 deshalb darauf, auch bei GPS-Störungen oder eingeschränkten Kommunikationsverbindungen einsatzbereit zu bleiben. Möglich machen sollen das bordeigene Rechenleistung, alternative Navigationsverfahren und anpassungsfähige Datenverbindungen. Young dazu: „Die Systeme, die künftig erfolgreich sein werden, sind nicht jene, die am härtesten zuschlagen, sondern jene, die sich am schnellsten anpassen können”.

Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg

Indirekt bezieht sich Aerovironment dabei auf Erfahrungen aus aktuellen Konflikten, allen voran in der Ukraine (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg). Innovationszyklen werden dort drastisch kürzer: Binnen weniger Wochen oder Monate entstehen neue Fähigkeiten, klassische Beschaffungszyklen hingegen dauern oft Jahre.

Aus diesem Grund sei Mayhem 10 gezielt auf rasche Anpassbarkeit getrimmt worden, so Aerovironment. Bereits während der Produktion soll sich das System missionsspezifisch konfigurieren lassen, und auch nach der Auslieferung sind Updates für Software und Funktionen eingeplant.

Bis Herbst 2026 soll nach Unternehmensangaben die Serienfertigung beginnen. Schon für das erste Halbjahr 2027 sind Produktionskapazitäten von mehreren hundert Systemen pro Monat geplant.

Aerovironment sieht in Mayhem 10 den Schritt weg von der klassischen Loitering Munition und hin zu einer neuen Generation vernetzter, adaptiver Effektoren. Brian Young bringt es so auf den Punkt: „Die Zukunft gehört nicht Plattformen mit nur einer Aufgabe. Sie gehört Systemen, die sich anpassen, gemeinsam handeln und genau die Wirkung erzeugen, die im jeweiligen Moment benötigt wird.”

Fotocredits

© AeroVironment
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