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Technology / Aerial Drones

Drohnentechnologie aus Lemberg: Sinelink, das verborgene KI-Drohnen-Funknetzwerk der Ukraine

Ein Aktenkoffer auf dem kleinsten Stand des Drone Autonomy Symposium enthält Drohnentechnologie, die schon in fast allen ausgestellten KI-Drohnen steckt: Sinelink von Sine Engineering vernetzt Drohnen, navigiert ohne GPS und erlaubt Gruppeneinsätze von einer Bodenstation.

Drone warriors
© Archiv

Womöglich verbirgt sich eine der entscheidenden Drohnentechnologien des modernen Krieges in einem unauffälligen Koffer – abgestellt auf dem kleinsten Stand einer Fachmesse in Lemberg. Die Welt debattiert noch über einzelne Systeme, die Ukraine dagegen arbeitet im Verborgenen schon am nächsten Level: einem intelligenten Funknetzwerk, mit dem Drohnen ohne GPS auskommen, deutlich größere Reichweiten erzielen und erstmals tatsächlich in Masse operieren können.

Beim „Drone Autonomy Symposium” in Lemberg fällt das kleine Pult kaum auf. Kein Stand der Veranstaltung ist kleiner, und auf einer Hälfte des Pultes liegt obendrein Werbematerial. Auf der anderen steht ein Aktenkoffer mit unauffälligen Elektronikteilen.

Sinelink Komponente
Das Sinelink Modul misst lediglich 73 x 45 x 10 Millimeter, bringt gerade einmal 43 Gramm auf die Waage und ermöglicht störsichere Kommunikation für eine Vielzahl unbemannter Systeme. · © Unmanned Magazine/Rosenkranz

Erst nach einer Weile wird klar, worum es sich handelt: um Komponenten, die in fast allen KI-Drohnen auf den umliegenden Ständen bereits verbaut sind – und nicht nur dort. Der Kofferinhalt erklärt, was Fachleute beim Sichten unzähliger Drohnenvideos aus der Ukraine in den letzten Monaten bislang nicht deuten konnten. Zu sehen ist die nächste Entwicklungsstufe der Kampfdrohnentechnik im absolut gnadenlosen Drohnenkrieg in der Ukraine.

Bei den Modulen handelt es sich um das ukrainische Kommunikationssystem Sinelink, das Sine Engineering in Lemberg entwickelt und produziert. Noch spricht die ganze Welt über Kabeldrohnen, doch Sinelink definiert die Drohnenkriegsführung neu. Von den rund 200 Drohnenherstellern in der Ukraine setzen weit mehr als 100 bereits Sinelink-Module ein. Damit schreibt das System die Gesetze des Drohnenkrieges in der Ukraine gerade neu. In Russland ist es seit Längerem bekannt, doch erstmals gelingt es dort nicht, bei Drohnentechnologie rasch aufzuholen.

Sinelink-Stand beim „Drone Autonomy Symposium”
Der Sinelink-Stand beim „Drone Autonomy Symposium” in Lemberg – unscheinbar, aber Schlüsseltechnologie für teilautonome Drohnen der Ukraine. · © Unmanned Magazine/Rosenkranz

Mesh-Netz statt GPS-Abhängigkeit

Im Fokus von Sine Engineering stehen kritische Kommunikations- und Navigationssysteme für unbemannte Luftfahrzeuge (UAV), ausgelegt auf die Bedingungen moderner Kriegsführung. Ziel ist ein technologischer Vorsprung für das ukrainische Militär: Die Lösungen des Unternehmens sollen es ermöglichen, autonome Drohnen massenhaft und ohne GPS einzusetzen.

Wie für den Krieg in der Ukraine üblich, setzt das Unternehmen auf hochverfügbare Technik, günstige Preise, schnelle Skalierbarkeit und kurze Lieferfristen. Denn der Krieg wartet nicht und verschlingt Material in enormen Mengen.

Sinelink Technologie
Im Juli 2024 wird Russland auf Sine Engineering aufmerksam. Im August 2025 werden erstmals Teile geborgen. Im September 2025 verstärkte Russland seine Bemühungen zur Informationsbeschaffung und Analyse des Sinelink erheblich. · © Archiv

Im August 2025 bargen russische Analysten zum ersten Mal eine Sine-Platine aus den Trümmern einer ukrainischen Drohne. Seitdem finden sich Komponenten des Herstellers immer öfter und überall im Drohnenkrieg.

CEO Andriy Chulik erläutert den Ursprung: „Ursprünglich war es für die Datenweiterleitung und die Einrichtung von Mesh-Netzen auf dem Schlachtfeld gedacht. Ein Mesh-Netz ist, kurz gesagt, ein dezentrales, selbstkonfigurierendes Netzwerk, in dem die Knoten selbst bestimmen, auf welchem Weg die Daten gesendet werden sollen, um den Operator zu erreichen. Um zu bestimmen, auf welchem Weg die Daten gesendet werden sollen, bewertet jeder Knoten das Signalniveau von anderen Knoten in Reichweite. Basierend auf diesen Daten wählt der Knoten aus, an wen er den Pass weitergeben soll.”

Technisch orientiert sich das Prinzip an Ultrabreitband, als Inspiration dienten die LoRaWAN-Spezifikationen. An die Vorgaben und Grenzen von Funk- und Fernmeldebehörden hält sich der Krieg allerdings nicht. Vorerst ist daher ein Frequenzbereich von 500–1.010 MHz umgesetzt; russische Technikanalysten halten eine Erweiterung bis in den Bereich von 6 GHz für möglich. In der derzeitigen Bandbreite von 510-MHz wurden bei sehr niedriger Leistungsdichte Datenraten bis 20/30 Kbit/s erzielt. Mit 2 Watt Sendeleistung kamen Reichweiten von bis zu 160 Kilometer zustande.

Für taktische Angriffsdrohnen von entscheidender Bedeutung ist ein großer Vorzug dieser Funktechnik: Sie durchdringt Gebäude. Das Signal reicht bis in Keller und Bunker, wo sich Drohnen damit (teilautonom) steuern lassen.

Beacon 2-Watt-Sendemodul
Der Beacon: ein 2-Watt-Sendemodul in 3D-gedruckter Halterung. Es überträgt Daten über mehr als 100 Kilometer und ermöglicht per Signallaufzeitmessung die Positionsbestimmung der Drohnen. · © Archiv & Martin Rosenkranz

Drohnentechnologie ohne GPS: Navigation über Funkbaken

Dabei bleibt es nicht. Über die verlässliche Kommunikation hinaus hat Sine Engineering auf Basis von Sinelink eine Navigationslösung entwickelt, die ohne GPS funktioniert. Dazu werden Radiobeacons aufgestellt – kein eigenes Zusatzmodul, sondern schlicht ein Standardmodul wie in den Drohnen, montiert in einer Halterung aus dem 3D-Drucker und versorgt von einem leistungsstarken Akku.

Die Drohne misst die Signallaufzeiten zu mehreren Beacons und bestimmt daraus ihre Position im zweidimensionalen Raum. Diese aktuellen Koordinaten stehen dem Autopiloten dann für die autonome Flugsteuerung zur Verfügung.

Fehlerfrei arbeitet das Verfahren nicht: Russische Analysten schätzen die Genauigkeit auf mehrere zehn Meter. Mehr ist aber auch nicht nötig, denn trotz solcher Abweichungen liegt das Ziel mitten im Erfassungsbereich von KI-Kameras. Derzeit erfassen und verfolgen die günstigen Module für Kamikazedrohnen Ziele in einem Bereich von etwa 50 bis 500 Metern.

Sinelink-Komponenten
Immer häufiger finden russische Kräfte Sinelink-Komponenten in den Trümmern abgeschossener ukrainischer Drohnen. · © Archiv

Gruppenflug gegen den Pilotenmangel

Nicht mehr der Nachschub an Drohnen ist inzwischen das größte Problem der Ukraine im Drohnenkrieg, sondern fehlende Drohnenpiloten – obwohl die Drohneneinheiten laufend mehr Personal bekommen. Für jede Drohne braucht es einen Piloten, der sie startet, fliegt und mit ihr das Ziel angreift. Gesteuert wird alles von Hand, häufig über Entfernungen von mehreren zehn Kilometern.

Schon das Fliegen zu erlernen, kostet oft Monate an Training. Hinzu kommt: Durchschnittlich bringen nur etwa 30 Prozent der Flüge ein zählbares Ergebnis.

Hier will Sine Engineering ansetzen und den Einsatz von UAVs verändern, indem Routineabläufe automatisiert werden – der Start ebenso wie der Flug ins Zielgebiet und zurück. Von einer Bodenstation aus lassen sich Gruppen ganz unterschiedlicher Drohnen (Kopter, Flügel, Baba Yaga) für Aufklärung und Angriff führen. Ein Operator kann so ein Vielfaches an Einsätzen fliegen, und je nach Einsatzkategorie verbessern sich die zählbaren Resultate unter Umständen deutlich.

Anders als beim Schwarmflug, bei dem die Drohnen miteinander kommunizieren, hält der Bediener im Gruppenflug ständig Verbindung zu jeder einzelnen Drohne und behält das volle Lagebild über die gesamte Gruppe. Jederzeit abrufbar sind für jede Drohne Status, Position, Batteriestand, Kurs, Geschwindigkeit und die Interaktion mit dem Beacon-Netzwerk. Das gilt als entscheidend, um Entscheidungen zu treffen und das Einsatzergebnis sicherzustellen.

Benutzeroberfläche einer Drohnensteuerung
Über eine zentrale Benutzeroberfläche steuern Operatoren ihre Drohnengruppen. Videofeeds laufen parallel – die Entscheidung über den Angriff bleibt beim Menschen. · © Unmanned Magazine/Rosenkranz

Die Soldaten profitieren von einer einfacheren Bedienung: Missionen werden auf einer Benutzeroberfläche geplant und durchgeführt, die an ein Computerspiel angelehnt ist. Militärische Einheiten werden von Sine Engineering im Umgang mit der Technologie geschult.

Mehrere Aussagen, darunter solche von Präsident Wolodymyr Selenskyj, deuten darauf hin, dass Drohnen über eine Low-Latency-Anbindung an verfügbare zivile und militärische Kommunikationsnetze praktisch von jedem Ort aus gesteuert werden können. Ob der Operator in Lemberg sitzt oder am Strand von Jamaika – die Drohnen über Donezk ließen sich so oder so lenken.

Aus den Gesprächen beim Drone Autonomy Symposium in Lemberg ging eine weitere wichtige Erkenntnis hervor: Bei allen Möglichkeiten autonomer Systeme behält der menschliche Faktor seine entscheidende Rolle. Der Tenor des Panels lautete, dass vor allem die endgültige Entscheidung über den Einsatz von Waffengewalt in der Verantwortung des Menschen liegen muss.

Wichtig ist dabei, worauf diese Einschätzung fußt: nicht auf theoretischen Überlegungen, sondern auf der Erfahrung von Menschen, die derzeit – auch mit (teil)autonomen Systemen – einen Krieg um das Überleben ihres Landes führen.

Fotocredits

© Archiv · © Unmanned Magazine/Rosenkranz · © Archiv & Martin Rosenkranz
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