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Technology / Aerial Drones

Unbemannte Systeme statt Soldaten: Ukraine setzt auf KI-gestützte autonome Kriegsführung

Zwei Millionen Drohnen 2024, fünf Millionen geplant für 2025: Ein CSIS-Bericht zeigt, wo die Ukraine KI und unbemannte Systeme bereits nutzt – von Aufklärung und Akustik bis zur Navigation ohne GPS.

Modernes Gefechtsfeld
© Lumalabs

Unbemannte Systeme sollen in der Ukraine Soldaten zunehmend aus dem unmittelbaren Gefecht holen und sie dort autonom ersetzen. Die ukrainischen Streitkräfte treiben damit den Umbau hin zu einer stärker automatisierten Kriegsführung voran.

Es geht dabei um mehr als den Schutz knapper menschlicher Ressourcen. Moderne Gefechtsfelder stellen wachsende Anforderungen: Soldaten ermüden, stehen unter psychischem Stress und werden von immer größeren Datenmengen aus unterschiedlichsten Sensoren und Quellen überfordert. Diese Probleme soll der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) lösen.

Wie eine KI-gestützte Militärstrategie künftig aussehen könnte, hat Kateryna Bondar in einem 37-seitigen Bericht umfassend analysiert. Sie arbeitet am Wadhwani AI Center des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, D.C.

Darin kommt ein russischer Soldat zu Wort: „Es ist ein Drohnenkrieg”. Einen ukrainischen Kämpfer bekam er erstmals zu Gesicht, als er sich bereits einem unbemannten Luftfahrzeug (UAV) ergeben hatte.

Was ein autonomes Waffensystem ausmacht

Das US-Verteidigungsministerium definiert ein autonomes Waffensystem als System, das nach seiner Aktivierung Ziele selbstständig auswählen und bekämpfen kann – weiteres menschliches Eingreifen ist dafür nicht nötig.

FPV-Drohne mit ZIR-System
Das ZIR-System reduziert die Anforderungen an die Pilotenqualifikation, indem es Ziele mittels künstlicher Intelligenz selbstständig erkennt und anschließend im automatischen Steuerungsmodus bekämpft. · © Archiv

Davon abzugrenzen sind nicht-autonome oder teilautonome Systeme. Sie automatisieren zwar einzelne Schritte wie das Erkennen oder Verfolgen eines Ziels, den gesamten Entscheidungs- und Wirkprozess führen sie aber nicht eigenständig aus.

Drohnenproduktion in Zahlen

Rund zwei Millionen Drohnen hat die Ukraine 2024 nach Angaben von Verteidigungsminister Rustem Umerov hergestellt, über 1,5 Millionen davon FPV-Drohnen (FPV: Sicht aus der Ich-Perspektive, First-Person View). Aus heimischer Fertigung kamen 96,2 Prozent der Drohnen, die die ukrainischen Streitkräfte einsetzten. Im selben Zeitraum bezog das Land damit etwa 80.000 Drohnen aus dem Ausland.

Zwischen Jänner und September 2024 erteilte das ukrainische Militär 140 UAV-Modellen und 33 Modellen unbemannter Landfahrzeuge (UGV) die Zulassung für den operativen Einsatz. Für 2025 sieht die Ukraine eine Produktion von rund fünf Millionen Drohnen vor.

KI wertet Aufklärungsdaten aus

Ein Einsatzfeld von KI ist die Auswertung von Aufklärungsdaten aus Aufklärung und Überwachung (ISR – Intelligence, Surveillance, Reconnaissance). Algorithmen ordnen Bilder und Videos nach Priorität, je nachdem, wie viele und wie intensive Ereignisse beobachtet werden – etwa laufende Gefechte oder größere Bewegungen von Truppen und Ausrüstung. Objekte sollen so erkannt und klassifiziert werden. Das Bildmaterial stammt von Satelliten, Drohnen und fest installierten Kameras.

Auch auf abgefangene Kommunikation wie Sprach- und Textnachrichten wird KI angewendet. Über Messenger wie Signal und Telegram laufen täglich Tausende Gruppenchats und Nachrichten, in denen sich häufig unstrukturierte, nicht standardisierte Berichte vom Gefechtsfeld finden. Dazu kommt abgefangene Audiokommunikation aus unterschiedlichen Quellen, die ebenfalls wertvolle Informationen enthalten kann.

Diese Datenmengen rechtzeitig zu transkribieren und so auszuwerten, dass verwertbare Erkenntnisse entstehen, ist ohne technische Hilfe kaum zu schaffen.

Griselda für Sprach- und Textdaten

Für diese unstrukturierten Daten setzt die Ukraine auf das KI-gesteuerte System Griselda. Die Plattform ist speziell darauf ausgelegt, große Mengen an Sprach- und Textinformationen zu analysieren.

Akustisches Luftraumüberwachungssystem Zvook
Zvook reduziert den Einsatz von Radar, indem es die typische Geräuschsignatur von Luftbedrohungen einpeilt. · © Archiv

Zvook hört Bedrohungen aus der Luft

Unterschiedliche Klangmuster lassen sich mit akustischen Systemen klassifizieren und identifizieren. Erheblich verbessert hat die ukrainische Luftverteidigung das akustische Aufklärungssystem Zvook. Hochwertige Mikrofone liefern die Schallanalyse, mit der Bedrohungen aus der Luft in geringen Höhen erkannt werden – dort also, wo Radarsysteme an Wirksamkeit verlieren.

Die akustischen Sensoren von Zvook sind in einem Raster angeordnet und überwachen derzeit rund 20.000 Quadratkilometer ukrainisches Staatsgebiet.

Hintergrundgeräusche wie Autos, Vögel oder menschliche Stimmen werden von einer KI ausgefiltert. Anhand der typischen Geräuschsignatur ordnet sie Luftbedrohungen ein, etwa Flugzeuge, Hubschrauber, Marschflugkörper oder Drohnen mit Kolbenmotor.

Ukrainische Radaranlagen können dank Zvook im Standby-Modus bleiben; automatisch eingeschaltet werden sie erst, wenn eine konkrete Bedrohung vorliegt.

Automatische Zielerfassung per KI

Im Zentrum der KI-gestützten automatischen Zielerfassung steht die Fähigkeit, Ziele rascher und genauer zu erkennen und zu klassifizieren als menschliche Operatoren. Trainiert mit umfangreichen Datensätzen aus Kampfszenarien, unterscheiden hochentwickelte Algorithmen des maschinellen Lernens zwischen Fahrzeugen, menschlichen Figuren und Strukturen – in unterschiedlichstem Gelände und unter wechselnden Bedingungen.

Im Gefecht reicht die automatische Zielerfassung derzeit im Schnitt etwa einen Kilometer weit, unter optimalen Bedingungen sind bis zu zwei Kilometer möglich.

Damit sich die KI an die dynamischen Bedingungen auf dem Schlachtfeld anpasst, muss sie laufend mit realen Gefechtsdaten nachtrainiert werden.

Unbemannte Systeme unter elektromagnetischer Störung

Werden klassische Steuersysteme durch elektromagnetische Kampfführung gestört, fällt die Erfolgsquote bei der Zielerfassung auf etwa 10 bis 20 Prozent. Vor allem die Störung von Signalen globaler Satellitennavigationssysteme (GNSS) wie GPS wirkt sich hier aus, ebenso unterbrochene Steuerverbindungen zwischen Drohne und menschlichem Bediener.

Autonom navigierende Drohnen erreichen dagegen eine Erfolgsquote von 70 bis 80 Prozent.

Zu unterscheiden sind dabei Lösungen für die Navigation auf der „letzten Meile” und Systeme für Langstreckeneinsätze, die weit in feindliches Gebiet eindringen sollen.

13 березня дрони СБУ атакували нафтопереробні заводи в РФ. відео з соцмереж pic.twitter.com/8HG8MjS6Ak

Bei Aufklärungsmissionen auf große Distanz ist die KI-gesteuerte Navigation ohne GPS inzwischen ein Schlüsselelement. Programmiert werden Flugrouten mit über 1.000 Wegpunkten, damit die Drohnen gegnerische Luftabwehrsysteme umgehen.

Ihre Position bestimmen die Drohnen per autonomer Navigation anhand vorab installierter Satellitenbilder und Geländedaten. So steuern sie Ziele auch ohne aktive Satellitenkommunikation hochpräzise an.

Fotocredits

© Lumalabs · © Archiv
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