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Industry News / Aerial Drones

Drohnenhersteller Schiebel: Ein Rundgang durch die Camcopter-Fertigung in Wiener Neustadt

Groß geworden mit Minensuchgeräten, heute einer der weltweit führenden Drohnenhersteller: Bei Schiebel in Wiener Neustadt entsteht der Camcopter S-100 – aus 163 Kohlefaserlagen, eigenen Motoren und viel Vorausplanung.

View of the Schiebel production facility
© Schiebel

Ihren Aufstieg verdankte die niederösterreichische Firma Schiebel einst Minensuchgeräten. Heute gilt sie weltweit als einer der führenden Drohnenhersteller. Ein Besuch am Firmenstandort in Wiener Neustadt.

Wiener Neustadt als Wiege der Fliegerei

Ohne Übertreibung lässt sich Wiener Neustadt als Wiege der österreichischen Fliegerei bezeichnen. Bereits 1906 ließ sich auf der Heide zwischen Wiener Neustadt und Wöllersdorf die „k. u. k. Militäraeronautische Anstalt“ nieder, deren Freifläche damals Freiballonen und Luftschiffen als Landeplatz diente. 1909 beschloss der Gemeinderat dann sogar, ein Flugfeld und mehrere Aeroplan-Hallen „zum Zwecke der Förderung des mechanischen Flugwesens“ zu errichten – ein visionärer Plan, gab es motorisierte Flugzeuge zu diesem Zeitpunkt doch noch gar nicht.

Autoklav bei Schiebel
Fest und trotzdem leicht: Um die Zuladung des Camcopter zu maximieren, werden bei Schiebel alle Bauteile gewichtsoptimiert. Wichtige Elemente sind aus Kohlefaser hergestellt, diese müssen anschließend im Autoklav ausbacken. · © Schiebel

Diese Geschichte gefällt Hannes Hecher, dem Geschäftsführer des österreichischen Drohnenherstellers Schiebel, er schmunzelt. „Ohne Visionen keine Ziele und ohne Ziele keine Entwicklung”, sagt er. Dann berichtet er von einer weiteren Vision, die sich in Wiener Neustadt Bahn brach: wie die Stadt mit ihren 50.000 Einwohnern auch zur Wiege der österreichischen und europäischen Drohnenfliegerei wurde – und wie dort vor drei Jahrzehnten der Grundstein für eines der heute weltweit gefragtesten Drohnenmodelle gelegt wurde.

An unbemannt fliegende Starr- und Drehflügler glaubte Mitte bis Ende der 1990er-Jahre noch kaum jemand. Schiebel dagegen erkannte das Potenzial. Gegründet bereits 1951 in Wien, war das Unternehmen damals – nicht zuletzt dank eines Großauftrags der US-Armee – gerade zum Weltmarktführer bei hochtechnologischen Minensuchgeräten aufgestiegen; rund zehn Prozent des Umsatzes stammen nach wie vor aus diesem Geschäft. Gleichzeitig tüftelten einige Mitarbeiter an Konzepten für einen unbemannten Helikopter. Erste Modelle entstanden, Ansätze und Überlegungen wurden verworfen, andere weiterentwickelt; angetrieben wurden die Prototypen anfangs vom Motor einer Kettensäge. „Der Zweck heiligte eben die Mittel”, sagt Hannes Hecher.

163 Kohlefaserlagen für ein Bauteil

Von der Decke der Fertigungshalle hängen heute einige dieser frühen Modelle als Erinnerung. Darunter geht es freilich weit hochtechnologischer zu als in jener Zeit. Am Ende müssen es exakt 163 Lagen sein – 164 sind zu viel, 162 zu wenig. Diese 163 Kohlefaserlagen unterschiedlicher Breite und Länge werden millimetergenau übereinandergelegt, luftdicht verpackt und dann über Stunden in einem Autoklav bei verschiedenen Temperaturstufen ausgebacken. Komplex klingt das, und komplex ist es auch – dabei ergibt das fertige Bauteil am Ende nur einen Part des Landing Gear eines Camcopter S-100.

Gespräch mit Hannes Hecher
Schiebel-Geschäftsführer Hannes Hecher gibt Militär Aktuell Einblicke in die Produktionsabläufe und einzelne Fertigungsprozesse der Camcopter. · © Unmanned Magazine/Sebastian Freiler

Camcopter heißt das Premiumprodukt von Schiebel. Hannes Hecher nennt es lieber ein „Arbeitstier“, und die Leistungsdaten geben ihm absolut recht: Gut drei Meter lang, etwas mehr als einen Meter hoch und mit einem Rotordurchmesser von 3,4 Meter, erreicht der Drehflügler ein maximales Abfluggewicht von satten 200 Kilogramm – nahezu das Doppelte seines Eigengewichts. Für Treibstoff, Sensoren, Kameras und weitere Ausrüstung bleiben dem Betreiber auf jedem Flug 90 Kilogramm. „Das ist ein echter Mehrwert für Kunden und muss uns in der Klasse erst einmal jemand nachmachen”, sagt Hecher.

Ermöglicht wird diese enorme Zuladung durch konsequenten Leichtbau auf allen Ebenen und zahlreiche Eigenentwicklungen, die über die Jahre stetig verbessert und verfeinert wurden. Beim Rundgang durch die Schiebel-Fertigung erklärt Hecher: „Wir haben schon sehr früh 3D-Drucker eingesetzt und entwerfen auch den Motor und das Getriebe selbst”. Im Schnitt investiert das Unternehmen jedes Jahr 20 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung, derzeit sind es sogar 30 Prozent. „Bei uns ist nichts ,off the shelf’ und auch wenn ein Camcopter von heute optisch einem Camcopter von vor fünf oder zehn Jahren ähnelt – technologisch ist das ein gänzlich anderes System.”

„auch wenn ein Camcopter Von heute optisch einem camcopter von vor fünf oder vor zehn jahren ähnelt, technologisch ist das ein neues system.“
Schiebel-Geschäftsführer Hannes Hecher

Wo der Drohnenhersteller Schiebel im Einsatz ist

Im Mittelpunkt all dieser Anstrengungen steht ein möglichst großer Kundennutzen, der weltweit schon heute geschätzt wird. Eingesetzt wird der S-100 von Polizei- und Grenzüberwachungsbehörden, Küstenwachen und Militärs, aber auch von zivilen Behörden wie der European Maritime Safety Agency (EMSA) – jeweils mit eigenen Schwerpunkten und Zielen. So überwacht Schiebel für die EMSA etwa die Schiffsemissionen in Nordsee und Ärmelkanal. Bei der spanischen Küstenwache SASEMAR helfen Camcopter, die Fähigkeiten für Suche und Rettung (SAR, Search and Rescue) auszubauen, und arbeiten dabei mit Sensoren bemannter Helikopter und Flugzeuge sowie von Schiffen zusammen. Aus dem Verteidigungsbereich kamen in den vergangenen Jahren Aufträge etwa aus Thailand und Australien. Zudem schützen Camcopter mit leistungsstarker Sensorik im „Peregrine”-Projekt, das gemeinsam mit Thales betrieben wird, Schiffe der britischen Royal Navy.

Schiebel-Geschäftsführer Hannes Hecher
Mann an der Spitze: Hannes Hecher denkt und lenkt als Geschäftsführer die Geschicke von Drohnenhersteller Schiebel. · © Unmanned Magazine/Sebastian Freiler
Blick in die Produktion bei Schiebel - @Schiebel
Ein Blick in die Produktion bei Schiebel.
Blick in das Lager bei Schiebel - @Schiebel
Einblicke in das Schiebel-Lager.
Handarbeit bei Schiebel
Wichtige Elemente sind aus Kohlefaser hergestellt. · © Unmanned Magazine/Sebastian Freiler

Zurück in der Produktion geht es ins Lager: In hohen Regalen stapeln sich dort Kohlefasertanks, Leiterplatten, Getriebeboxen sowie Front- und Heckteile. Im Raum nebenan legt ein Mitarbeiter gerade letzte Hand an ein Kohlefaser-Bauteil – entgraten, abschleifen, glätten und Löcher für Schrauben und Nieten bohren. Alle Bauschritte zusammengerechnet, ist ein Camcopter in nur einer Woche komplett montiert. Einzelne Bauteile wie der Titan-Rotorschaft haben allerdings Vorlaufzeiten von rund einem Jahr. Die Produktionssteuerung braucht deshalb viel Weitblick, damit am Ende jedes Bauteil verfügbar ist, sobald es gebraucht wird.

Angekündigt hat Schiebel übrigens auch schon einen großen Bruder des Camcopter: den S-300, mit noch mehr Ladevolumen, vielen weiteren Verbesserungen und neuen Möglichkeiten. Ein erster Auftraggeber steht mit der südkoreanischen Marine bereits fest. Viel mehr verrät man in Wiener Neustadt derzeit noch nicht, nur so viel: „Wir sind auf einem guten Weg”, sagt Hannes Hecher. „Jetzt gilt es diesen Weg aber auch erfolgreich zu beschreiten – und dann geben wir gerne auch weitere Details bekannt.”

Fotocredits

© Schiebel · © Unmanned Magazine/Sebastian Freiler
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