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Drohnenabwehr: Polen baut mit SAN an der Drohnenmauer – trotz Veto gegen die SAFE-Milliarden

Drohnenabwehr bildet künftig die unterste Ebene der polnischen Luftverteidigung: SAN soll mit mehr als 700 Systemen an der Ost- und Nordostgrenze entstehen. Nach dem Veto von Präsident Nawrocki gegen SAFE muss die Finanzierung allerdings neu geordnet werden.

Poland is building the drone wall
© Poland MoD, Archiv

In Polen entsteht derzeit eines der modernsten und umfassendsten Systeme zur Drohnenabwehr. Eingebunden werden soll es als unterste Ebene der nationalen Luftverteidigung – noch während des Aufbaus hat es jedoch erhebliche politische Turbulenzen ausgelöst.

Veto aus dem Präsidentenpalast

An den Dauerstreit zwischen Präsidentenpalast und Regierung haben sich die Polen freilich gewöhnt. Bereits Andrzej Duda, der das Amt des Staatspräsidenten bis August vergangenen Jahres innehatte, galt als eine Art „Vetomaschine”. Ab 2023 legte er eine Reihe grundsätzlicher Vorhaben der Koalition von Premierminister Donald Tusk auf Eis, allen voran Reformen des Justizsystems. In Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik lagen die beiden großen Lager – die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und die liberalkonservative Bürgerplattform (PO) – hingegen weitgehend auf einer Linie. Kein anderes Mitgliedsland von EU und NATO sieht sich derart von einem aggressiven Russland bedroht wie Polen. Für die Bevölkerung hat Verteidigung, Rüstung eingeschlossen, Vorrang, und die Parteien tragen dem Rechnung.

Vor diesem Hintergrund fällt die Politik von Karol Nawrocki, der seit knapp einem Jahr Präsident ist, umso mehr auf. Bei dem Versuch, Regierungsvorhaben zu untergraben, geht er weiter als Duda. Nicht einmal die Verteidigung und damit die Sicherheit des Landes sind für den PiS-nahen Nawrocki, wie es scheint, tabu.

Sein bislang wohl folgenreichstes Veto begründete der Präsident so:

„Ich werde niemals ein Gesetz unterzeichnen, das unsere Souveränität, Unabhängigkeit sowie unsere wirtschaftliche und militärische Sicherheit beeinträchtigt”— Karol Nawrocki, Präsident Polens

Mit diesem Argument hat Nawrocki im März verhindert, dass das polnische SAFE-Gesetz umgesetzt wird. Hinter dem Kürzel SAFE – „Security Action for Europe” – verbirgt sich ein EU-Programm für die Rüstungsbeschaffung, über das Brüssel einzelnen EU-Staaten günstige Kredite gewährt.

Eigentlich hätte Polen mit großem Abstand am stärksten von dem Programm profitieren sollen: 44 Milliarden Euro waren für Warschau vorgesehen, das Geld sollte unmittelbar in Rüstungsbeschaffung fließen. Zweitgrößter Empfänger von SAFE-Mitteln ist zum Vergleich Rumänien mit Krediten über 16,7 Milliarden Euro. Gegen SAFE hat das PiS-Lager mobilgemacht. Es verunglimpft das Programm als EU-Programm; einzelne PiS-Politiker und ihnen nahestehende Medien behaupten zudem, profitieren würde davon vor allem die deutsche Rüstungsindustrie. Stichhaltige Belege dafür, was Polen betrifft, bleiben sie der Öffentlichkeit schuldig. So ist SAFE in Polen ins politische Spiel geraten – mitten in die Auseinandersetzung zwischen Nawrocki und der Regierung Tusk.

Polen baut die Drohnenmauer
Die polnische Rüstungsagentur hat einen Vertrag mit dem nationalen Rüstungskonsortium PGZ und dem norwegischen Unternehmen Kongsberg über das Drohnenabwehrsystem SAN unterzeichnet. · © Polen Mod, Archiv

Für die polnische Regierung bedeutet das Veto gegen die Programmteilnahme einen schweren Schlag – ebenso für die heimische Rüstungsindustrie, die bereits mit den EU-Milliarden gerechnet hatte.

Drohnenabwehr SAN: Finanzierung ohne EU-Kredite

Besonders nachteilig wirkt sich der Vorgang auf SAN aus, die Drohnenabwehr, die Polen gerade aufbaut. Hinter dem polnischen Kürzel steht „Antidrohnensystem”. Im Jänner noch hatte Regierungschef Tusk bei einer Vertragsunterzeichnung mit Vertretern der polnischen Industrie in Kobylka, einer Gemeinde nahe Warschau, in diesem Zusammenhang von einem „historischen Moment” gesprochen.

„Ich verwende diesen Ausdruck nie leichtfertig”— Donald Tusk, Regierungschef
„aber heute erleben wir tatsächlich einen absoluten Durchbruch, was die wirksame Verteidigung der polnischen, europäischen und der Ostgrenze der NATO angeht.”— Donald Tusk, Regierungschef

Polen, so Tusk weiter, stärke nicht nur die eigene Sicherheit, sondern setze auch neue Standards für künftige Drohnenabwehrsysteme innerhalb der NATO.

Ungeachtet des Vetos von Nawrocki gegen die EU-Milliarden wird SAN kommen, daran besteht kein Zweifel. Bezahlt werden die Anschaffungen allerdings nicht aus den vorgesehenen EU-Krediten. Möglich ist, dass sich dadurch Zeitpläne verschieben oder an anderer Stelle im Haushalt Einsparungen nötig werden. Infrage gestellt wird SAN selbst nicht – dafür ist das Projekt aus Sicht von Militär und Regierung zu wichtig.

Polen baut die Drohnenmauer
Polens Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz bei der Unterzeichnung des Vertrags zur Entwicklung des Drohnenabwehr­systems SAN. · © Polen Mod, Archiv

Mehr als 700 Systeme in 18 Einsatzbatterien

Gespannt verfolgen auch die übrigen Europäer, was in Polen geschieht. Die Superlative, die Tusk im Jänner bemüht hat, sind nämlich durchaus berechtigt: Mit SAN bringt die Regierung in Warschau das modernste und umfänglichste Luftverteidigungssystem speziell gegen Drohnen in ganz Europa auf den Weg. Einsatzbereit sein soll es noch in diesem Jahr, selbst wenn dafür Kosten umgeschichtet werden müssen. Umgerechnet liegen die Ausgaben bei etwa 3,5 Milliarden Euro.

SAN setzt sich aus mobilen Systemen, Radaren und sogenannten Effektoren zusammen, die entlang der Ost- und Nordostgrenze stationiert werden. Insgesamt geht es um mehr als 700 Systeme in 18 Einsatzbatterien. Bestätigt hat das Cezary Tomczyk, stellvertretender Verteidigungsminister, der in der Regierung für den Aufbau des „Schutzschildes Ost” zuständig ist – jener militärischen Verteidigungsarchitektur im Osten des Landes, in die SAN eingegliedert wird.

Polen scheint damit einmal mehr vorzupreschen, während andere europäische Staaten noch darüber diskutieren, welche rechtlichen Rahmenbedingungen für die Drohnenabwehr gelten. Kein anderes großes NATO-Land rüstet so stark auf: In den Jahren 2024 und 2025 wendete Polen mehr als vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung auf, im laufenden Jahr soll der Anteil auf fünf Prozent wachsen. Schon heute stellt das Land nach den USA und der Türkei die drittgrößten Streitkräfte innerhalb der NATO.

Shahed-Drohne im Visier
Shahed-Drohnen (Bild) sind nur ein Teil der Bedrohung: Im Ernstfall müsste Polen mit einem deutlich breiteren Spektrum an Drohnenangriffen rechnen – und investiert deshalb frühzeitig in den Aufbau seiner Drohnenabwehr. · © Polen Mod, Archiv

Polen sieht sich als Frontstaat der NATO

Dass Warschau aufs Tempo drückt und SAN sich von Programmen in Partnerländern abhebt, hat mehrere Gründe. Der wichtigste: Ob in Berlin oder Paris, in Wien oder Madrid – nirgends hält ein politisch Verantwortlicher es für notwendig, die Grenzen des eigenen Landes so abzusichern, wie Polen es tut.

„Polen ist – und das betonen wir auch immer wieder in Gesprächen mit unseren Partnern in Europa und den USA – der Frontstaat der NATO in Europa. Daher tragen wir gewisse Kosten, aber wir übernehmen diese Rolle und tragen Verantwortung”— Vizeverteidigungsminister Cezary Tomczyk

In Warschau ist man überzeugt, dass Russland bei einer Eskalation seines Krieges gegen die Ukraine zuerst Polen oder ein baltisches Land angreifen würde. Bereits jetzt ist Polen in wachsendem Maß hybriden Angriffen ausgesetzt, darunter Sabotage, Spionage, Desinformationskampagnen und Cyberangriffe. Wiederholt drangen russische Flugkörper in den polnischen Luftraum ein; im September 2025 waren es schließlich gleich 19 russische Drohnen. Mehr als sieben Stunden blieben sie dort, bevor polnische und niederländische Jets vom Typ F-16 und F-35 sie abschossen. Der Flughafen Warschau wurde geschlossen, die Bevölkerung im Osten aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Massive Drohnenangriffe sind für Polen also keine abstrakte Bedrohung. Ebenso klar ist: Die Abwehr muss billiger sein, als hochmoderne Flugzeuge aufsteigen zu lassen, die millionenteure Raketen abfeuern. Diese Erfahrung ist der Grund, weshalb SAN nun gleichsam in einem Kraftakt verwirklicht wird.

Dass dies gelingen kann, liegt nicht allein am breiten Bewusstsein für die von Russland ausgehende Gefahr. Lange vor dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine hatte Polen bereits damit begonnen, seine Streitkräfte zu modernisieren.

„Drohnen sind das eine, aber es ist grundsätzlich so, dass Polen seit Jahren intensiv in Luftverteidigung investiert. Wir sehen, wie wichtig das ist. Könnte die Ukraine die Zeit zurückdrehen, das Land hätte viel mehr in Luftverteidigung investiert, auf allen Ebenen”— Cezary Tomczyk

Wegen der Nähe zum Kriegsschauplatz in der Ukraine sieht sich Polen zwar besonders gefährdet, zugleich ziehen Armee und Industrie aber Nutzen aus dem Austausch mit den Ukrainern.

Wisla, Narew, Pilica – und darunter SAN

Mehrere Programme zur Luftverteidigung betreibt Polen bereits. Wisla stützt sich auf Patriot-Batterien und soll Raketen in bis zu hundert Kilometern Entfernung abfangen; auf den Ebenen darunter folgen Narew und Pilica sowie Pilica Plus für den Nahschutz. Zwischen fünfzig und sechzig Milliarden Euro wendet Polen dafür auf. Die unterste Ebene bildet SAN – die Drohnenabwehr.

Polen baut die Drohnenmauer
Das polnische Flugabwehrsystem SA-35, das künftig Teil des Drohnenabwehrsystems SAN sein wird. · © Polen Mod, Archiv

Kennzeichnend ist dabei der industrielle Schwerpunkt. Wisla und Narew werden gemeinsam mit den USA und Großbritannien umgesetzt, für SAN dagegen bestellt die Regierung überwiegend bei der polnischen Industrie. Im Zentrum steht das staatlich kontrollierte Rüstungskonglomerat PGZ, das die Federführung bei der Umsetzung übernommen hat. Eine wichtige Rolle kommt außerdem APS zu, einem polnischen Unternehmen für Sensorik und Radar aus der Ostseestadt Gdynia.

Einziger großer Projektpartner aus dem Ausland ist die Kongsberg Gruppe, Norwegens größtes Rüstungsunternehmen. Von ihr stammen die Effektor-Systeme: Kanonen zur Bekämpfung von Drohnen oder Drohnenschwärmen sowie Lenkflugkörper und Abfangdrohnen. Komplette Systeme liefert Kongsberg Gruppen allerdings nicht – die Komponenten werden zugeliefert und mit Sensoren von APS oder PGZ integriert. Zudem haben sich die Norweger bereit erklärt, einen gewissen Teil ihrer Elemente in Polen zu fertigen.

Vollständig in Polen gebaut wird dagegen ein Systemelement mit dem Beinamen „Ungeheuer aus Tarnow”. Bis dahin kannten nur Experten das Gerät, dann sorgte die Kanone gerade im Internet für Furore, und mehrere polnische Medien berichteten darüber. Es handelt sich um eine Gatling-Kanone für die Drohnenabwehr, gefertigt von Zaklady Mechaniczne Tarnow in der gleichnamigen südpolnischen Stadt. Das Unternehmen ist Teil des Konglomerats PGZ, das bei SAN die industrielle Führung innehat.

Mehr als sechzig Prozent der Wertschöpfung im Land

„Geht es ausschließlich um SAN, also die Drohnenabwehr, dann entfallen mehr als sechzig Prozent der Wertschöpfung auf die polnische Indus­trie”— Vizeverteidigungsminister Cezary Tomczyk
„Die ersten Batterien werden aus dem Budget des polnischen Staates finanziert.”— Vizeverteidigungsminister Cezary Tomczyk

Für die darauffolgenden Anschaffungen waren ursprünglich SAFE-Mittel vorgesehen; auf diesem Weg hätten sich 90 Prozent von SAN abdecken lassen. Nun muss die Regierung umschichten – und dass sie das tun wird, steht fest. Denn für sie hat die Drohnenabwehr größte Bedeutung.

Fotocredits

© Poland MoD, Archiv · © Polen Mod, Archiv
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