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Unmanned Systems / Aerial Drones

Drohnenkrieg in der Ukraine: FPV-Schwärme, Nachteinsätze und KI prägen das Jahr 2024

Drohnenkrieg statt Artillerieduell: Weil Granaten und Rohre knapp werden, dominieren in der Ukraine billige Fluggeräte das Gefechtsfeld. Welche Trends sich abzeichnen – von Nachtflügen über Turbojets bis zur autonomen Zielsuche – und was dabei unklar bleibt.

Drone war in Ukraine: FPV swarms, night operations and AI shape 2024

Der Drohnenkrieg in der Ukraine reicht von Drohnen mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View) bis zum massenhaften nächtlichen Einsatz unbemannter Flugmittel – längst ist der Konflikt zu einem „War of Drones” geworden. 2024 dürfte dieser „Krieg der Drohnen” noch an Intensität gewinnen. Ein Ausblick auf aktuelle Trends und Entwicklungen.

Zum zweiten Mal jährt sich in wenigen Wochen der russische Angriff auf die Ukraine, der Ukraine-Krieg tritt in sein drittes Jahr. Aus den ersten Kriegswochen sind vor allem Bilder großer Panzerverbände in Erinnerung geblieben. Auf die Versuche, die Lage durch bewegliche Kriegsführung zu beeinflussen, folgte ein immer stärkerer Einsatz der Artillerie. Rasche Vorstöße, durch die große Gebiete innerhalb weniger Tage den Besitzer wechseln, sind seit Kriegsbeginn die Ausnahme geblieben. Inzwischen wird auch mit Artillerie deutlich weniger gekämpft – auf beiden Seiten fehlt es zunehmend an großkalibriger Munition, und Geschütze gehen verloren oder verschleißen.

Seit geraumer Zeit bestimmt deshalb das unbemannte Luftfahrzeug (UAV) das Geschehen am Gefechtsfeld und auch im Hinterland – es ist erheblich billiger und lässt sich in größeren Stückzahlen fertigen. Weil Aufklärungsdrohnen und andere moderne Überwachungstechnik überall präsent sind, ist das Operationsgebiet für beide Seiten durchsichtig geworden. Vor dem Gegner lassen sich Bewegungen nicht mehr verbergen, bis hinunter zum einzelnen Soldaten. Bewaffnete Drohnen stehen als Luftunterstützung rund um die Uhr zur Verfügung. Entscheidend ist, was sich über den Köpfen der Soldaten abspielt. Nach allem, was absehbar ist, wird sich dieser Trend in den nächsten Monaten weiter verfestigen – das zeigt ein Blick auf die Entwicklungen und bekannte Zahlen.

FPV-Drohnen

Schon im Sommer 2022 experimentierten die Ukrainer erstmals mit „First Person View”-Drohnen. Für diese Erprobungen im Gefecht führten sie FPV-Drohnen aus der Großserie des chinesischen Herstellers DJI ein. Videos belegen Aufklärungsflüge und einen Praxistest, bei dem eine FPV-Drohne mit Gefechtskopf als Kamikazedrohne auf einen russischen Unterstand gelenkt wurde.
Im Herbst 2022 tauchten dann aus der Ukraine erste Bilder selbst gebauter FPV-Drohnen auf, zusammengesetzt aus Modellbaukomponenten für Hobby und Sport. Diese Eigenbauten waren billiger und erheblich leistungsfähiger, verlangten aber auch deutlich mehr fliegerisches Können.

Im wahrsten Sinn des Wortes „durchschlagend” fielen die Erfolge aus. Die ukrainischen Streitkräfte richteten Schulen und Trainingsprogramme ein, um Nachwuchs an Piloten auszubilden. Nachschub an FPV-UAVs lieferten weiterhin eher private, kleinteilig organisierte Werkstätten, die großteils von Spenden lebten.
Das Ergebnis: ein Wildwuchs an ähnlichen Geräten, die sich jeweils in ihren elektronischen und fliegerischen Eigenschaften unterschieden.

Russland folgte – wobei die Initiative dort zu Beginn noch viel stärker privat getragen war als in der Ukraine. Zunächst stand die russische Armee der Entwicklung eher ablehnend gegenüber, die Truppe nahm das neue Kampfmittel nur zögerlich an. Inzwischen produzieren aber beide Seiten FPV-Drohnen in Großserie und setzen sie flächendeckend ein.

Für sich wie für den Gegner geben beide Seiten an, die monatliche Produktion sei mittlerweile vom fünf- in den sechsstelligen Bereich gestiegen. Überprüfen lässt sich das natürlich nicht. Selbst wenn man aber berücksichtigt, dass aus den verschiedensten Gründen nur 10 bis 30 Prozent der FPV-Flüge als militärisch wirksam gelten, klafft zwischen den behaupteten Produktionszahlen und den veröffentlichten Videos beider Seiten eine wachsende Lücke.

So sprechen beide Seiten von einer russischen Monatsproduktion von 300.000 FPV-Drohnen. Belegbar – über veröffentlichte Videos sowie Zahlen zu erkannten und abgefangenen gegnerischen Drohnen – sind aber nur einige hundert Einsätze pro Monat, allerdings zweifellos mit deutlich steigender Tendenz. Zudem gibt es schon länger genug FPV-Drohnen, um damit auch einzelne Soldaten anzugreifen. Wie groß die absolute Zahl ist, bleibt unklar; die Zahl der Einsätze nimmt jedoch stetig zu.

Drohnenkrieg bei Nacht

Eindeutig belegt ist dagegen, dass FPV-Drohnen mittlerweile mit Wärmebildkameras auch nachts fliegen. Vorreiter war hier Russland, die Ukraine holt auf. Schon seit Jahren setzt die Ukraine in der Dunkelheit die großen und erheblich teureren Copter-Drohnen ein, die Baba Jaga genannt werden (Spannweite mehr als zwei Meter, Nutzlast mehr als fünf Kilogramm). Ob sie mittelfristig von dieser Praxis abrückt, wird sich erst zeigen. Von russischer Seite gibt es zwar Videos zur Instandsetzung und Erprobung erbeuteter Großcopter-Drohnen, in größerem Umfang eingesetzt hat Russland diesen Drohnentyp bisher aber nicht. Erkennbar sind lediglich russische Factfinding-Missionen nach China, wo dieser – von zivilen Agrardrohnen abgeleitete – Typ ebenfalls gebaut wird.

Klar zeichnet sich jedenfalls ab, dass im Drohnenkrieg eigene Tag- und Nachtmodelle entstehen – vermutlich wegen der Kosten und auch, weil die Verfügbarkeit begrenzt ist. Die selteneren Drohnen mit den teureren Wärmebildmodulen bleiben tagsüber am Boden, weil die Truppe sie deutlich schwerer ersetzen kann.

Vielfalt gegen Masse

Die Ukraine nutzt weiterhin eine erheblich größere Bandbreite an Drohnen als Russland. Unklar ist, ob sie damit aus der Not eine Tugend macht, ob sie diese Freiräume bewusst lässt, um die Wirksamkeit der einzelnen Geräte in der Praxis zu bewerten, oder ob dahinter womöglich ein Konzept steht, die russische Flug- und Elektronikabwehr immer wieder mit veränderten Signaturen und Frequenzen zu fordern.

In relativ regelmäßigen Abständen veröffentlichen russische Spezialisten für elektronische Kampfführung einen Katalog der eingesetzten ukrainischen Drohnen. Auch diese Übersicht, die inzwischen mehr als 70 Geräte in elf Klassen umfasst, ist jedoch höchst lückenhaft.

Ob neue Modelle, die zu Propagandazwecken öffentlich vorgestellt werden, tatsächlich in den Einsatz gehen, zeigt sich häufig erst Monate später – dann, wenn die Gegenseite Fotos abgeschossener oder abgestürzter Systeme präsentiert.

Mit ihren Mitteln erzielen beide Seiten immer wieder spektakuläre Erfolge. Kosten sowie Entwicklungs- und Fertigungszeiten der UAVs sind dabei allzu oft geradezu abstrakt gering im Vergleich zu den hochkomplexen, teuren Waffensystemen mit langer Vorlaufzeit, die von Drohnen zerstört werden.

Da das gesamte Land in Reichweite russischer Lenkflugkörper liegt, muss die Ukraine ihre Drohnenproduktion weiterhin dezentral und kleinteilig organisieren. Russland dagegen hat große Produktionsstätten aufgebaut und erweitert. So entsteht etwa die russische Version der iranischen Shahed-136 (Geran-2) in einer Sonderwirtschaftszone in Jelabuga bei Kasan. Wie viele Stück dort gebaut werden, ist nicht bekannt; eine hohe dreistellige Zahl pro Monat dürfte aber bereits erreicht sein.

In St. Petersburg wiederum fertigt LLC STC (Special Technology Center) die Orlan-Drohne in stetig steigenden Stückzahlen. Die Orlan gilt als eine Art „Schweizer Taschenmesser” unter den russischen Drohnen, das sich an zahlreiche Aufgaben anpassen lässt.

Weit außerhalb des ukrainischen Einflussbereichs produziert auch die Zala Aero Group ihre Lancet-Drohnen – in einem früheren Einkaufszentrum in Izhevsk im Osten von Kasan. Mindestens dreistellig ist auch hier die monatliche Produktionsrate.

Jet und KI

Bei der Fertigung der Drohnen deuten sich zwei größere Entwicklungen an. Beim Antrieb setzt sich auf kurze Distanz offenbar der Elektromotor mit Propeller durch. Wo Einsatzzeiten von deutlich mehr als 90 Minuten bis zwei Stunden und Einsatzradien von klar über 100 Kilometern gefragt sind, greift man dagegen vor allem auf Kolbenmotoren mit Propeller zurück. Mittlerweile setzt die Ukraine mit den UAV-Typen UJ-23 und UJ-25 aber auch zwei Drohnen ein, die von einem kleinen Turbojet angetrieben werden. An die Reichweiten der Kolbenmotor-Modelle kommen sie nicht heran, dafür fliegen sie erheblich schneller, als es mit Propeller möglich wäre.

Hier könnte Russland folgen – das wird zumindest seit der Präsentation der Shahed-238 im Iran erwartet. Das russische Fernsehen nannte Höchstgeschwindigkeiten zwischen 600 km/h und 800 km/h. Verglichen mit den kolbengetriebenen Modellen Shahed-131 (Geran-1) und Shahed-136 ist auch hier mit einer deutlich geringeren Reichweite zu rechnen; sie beträgt aber dennoch mindestens 200 Kilometer, womöglich sogar mehr als 300 Kilometer.

Beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) geht es nicht mehr um das „ob”, sondern nur noch um das „wann”. Ziel ist, dass die Drohnen teilweise unabhängig von Bediener- und Steuersignalen werden. Vor dem Start werden das Zielgebiet sowie Bilder bzw. die Signatur vorrangiger Ziele gespeichert – etwa ein Luftabwehrsystem, das Vorrang vor einer Artillerieeinheit hat. Bricht das Steuersignal ab, bedeutete das bisher Absturz und Totalverlust der Drohne. Künftig setzt die Drohne in diesem Fall die Suche selbstständig fort und greift gegebenenfalls anhand der gespeicherten Signatur an.

In diesem Sinne entwickelt und erprobt der Lancet-Hersteller Zala schon seit einiger Zeit ein neues Modell mit der Bezeichnung Produkt 55. Bisher werden die Modelle von den Bedienern per Hand zusammengesetzt und mit einem Katapult gestartet; Produkt 55 dagegen soll – ähnlich einer Flugabwehrrakete – aus einem Container starten.

Lange hat die Ukraine nach einer Abwehrmöglichkeit und Antwort auf Lancet gesucht. Inzwischen bereitet sie die Produktion eines UAV vor, das dem russischen Vorbild klar überlegen sein soll. Einblick in diese Arbeiten erhielt der französische Journalist Xavier Tytelman. Für kürzere Reichweiten soll die Drohne einen Elektromotor erhalten, für längere einen Kolbenmotor. Wie Russland bereitet sich auch die Ukraine darauf vor, Objekterkennung mit autonomer Angriffsfähigkeit zu verbinden.

EloKa

Funkelektronische Aufklärung und Kampfführung gehören seit langem zur Kriegsführung – im Drohnenkrieg haben sie ein zusätzliches Spielfeld bekommen. Beide Seiten bemühen sich intensiv, den eigenen Kräften das funkelektronische Spektrum zugänglich zu machen und es dem Gegner zu verwehren. Eingesetzt wird dafür ein breites Spektrum an Technik: von Systemen, die ein einzelner Soldat tragen und bedienen kann, bis zu Hochleistungssystemen, die in Fahrzeuge integriert sind.

Wie bei den Drohnen beginnt die Spannweite bei recht einfachen, zivil erhältlichen Produkten, deren Größe und Preis etwa auf den Schutz von Industrieanlagen ausgelegt sind. Hinzu kommen rein militärische Produkte, die in puncto Wirksamkeit wie auch Kosten einer anderen Kategorie angehören.

Durchwachsen dürften die Bemühungen beider Seiten ausfallen, einzelne Fahrzeuge automatisch zu schützen. Den gelegentlich auf Fotos dokumentierten Versuchsträgern steht jedenfalls bislang kein erkennbarer Erfolg gegenüber – die Zahl erfolgreicher FPV-Angriffe auf Fahrzeuge steigt stetig.

Belastbare Zahlen gibt es zwar nicht. Wenn aber von EloKa-Gewehren und von „Kuppeln” genannten Großgeräten wie Bukovel-AD für größere Bereiche die Rede ist, entsteht durchaus der Eindruck, dass sich mit Störsendern (Jammern) ein gewisser Schutz vor Drohnenangriffen erreichen lässt. Russen wie Ukrainer setzen dabei mit unterschiedlicher Gewichtung auf beide Varianten.

Erst im Oktober forderte der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Valerij Fedorowytsch Zaluzhnyi, Kapazitäten zur Überwachung der radioelektronischen Lage aufzubauen, bestehende inländische EloKa-Komplexe zu verbessern und neue zu entwickeln, um „elektromagnetischer Kriegsführung” im gesamten „elektromagnetischen Spektrum” durchzuführen.

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