Kampfdrohne S-70 Ochotnik: Suchoi rollt zweiten seriennahen Stealth-Prototyp in Sibirien aus
Kampfdrohne mit Tarnkappen-Anspruch: Der neue S-70-Prototyp zeigt eine deutlich glattere Hülle als sein Vorgänger, Moskau stellt nach Tests im kommenden Jahr einen Auftrag in Aussicht. Ob die Serienfertigung ab 2024 gelingt, bleibt offen.

Eine Kampfdrohne in Nurflügelauslegung hat Suchoi am 14. Dezember vorgestellt: Bei der Novosibirsk Aircraft Production Association (NAPO) im Südwesten Sibiriens rollte der zweite Prototyp einer künftigen Serie der S-70 Ochotnik (= Jäger) aus der Halle – ein unbemanntes Kampfflugzeug (UCAV) aus dem Suchoi-Konstruktionsbüro, das zum staatlichen Flugzeugbaukonglomerat UAC gehört.

Der stellvertretende russische Verteidigungsminister Alexei Krivoruchko erklärte: „Die Vorstellung des UCAV markiert den Abschluss der Montage des Systems als Ganzes, die Ausstattung mit allen notwendigen Bordgeräten gemäß den Anforderungen für das Gerät und den Übergang zu komplexen Bodentests sowie zur Vorbereitung auf den Erstflug”. Sein Vorgesetzter, Verteidigungsminister Sergej Schoigu, rechnet nach eigenen Worten in Moskau damit, dass die russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte (VKS) im kommenden Jahr – nach ersten Flügen und abgeschlossenen Tests – einen Auftrag erteilen.
Alles in allem dürfte das jüngste S-70-Derivat für Russland einen Sprung nach vorne bedeuten, wenn es darum geht, schwer erfassbare Technologien auch in serientauglicher Fertigung umzusetzen. Hinter manchen Konkurrenten wie Taranis (UK) oder Neuron (Dassault + Saab) liegt es dennoch zurück. Überhaupt entstand im vergangenen Jahrzehnt der Eindruck, die russische Industrie hinke in diesem High-Tech-Sektor hinterher – oder das Militär habe dem Bereich eine Zeit lang kaum Gewicht beigemessen und solche Entwicklungen deshalb kaum angestoßen. Nachdem die Firma Kronshtadt aber neulich in Dubai mit dem Orion-E ein dem MQ-1 Predator ähnliches Gerät gezeigt hatte, war die Präsentation des 20 Tonnen schweren Fluggeräts mit 20 Metern Spannweite – durchaus ordentlich dimensioniert – ein weiterer ambitionierter Schritt, um diese Lücke zu schließen.

Kampfdrohne seit 2019 in Erprobung
Seinen Erstflug absolvierte der allererste Prototyp am 3. August 2019. Am 27. September 2019 folgte ein Formationsflug mit einer Suchoi Su-57 – einen vergleichbaren Ansatz des „manned-unmanned-teaming” verfolgen auch Airbus-Helicopters und Schiebel. Für die russische Variante des Konzepts vom „loyalen Flügelmann” erhielt die S-70 Luft-Luft-Raketen ohne Antrieb und Sprengkopf, aber mit funktionsfähiger Elektronik. Erprobt wurde damit ein Einsatzverfahren, bei dem die S-70 weit entfernte feindliche Luftziele aufspürt und diese nach Entscheidung und Freigabe durch den Su-57-Piloten (auch) bekämpft. Anfang 2021 folgten auf einem Testgelände bei Astrachan Tests zur Waffenintegration: Ochotnik trug dabei ungelenkte Bomben im zwei je 1.000 Kilogramm fassenden internen Waffenschacht und warf sie auf Bodenziele ab.
Am ersten Entwurf gab es allerdings noch einige äußere „Auffälligkeiten”, die eine geringe Erkennbarkeit auf gegnerischem Radar aus allen Beleuchtungsrichtungen (All-Aspect-Low-Observability) erschwerten. Vor allem betraf das die unverkleidete Abgasdüse des Turbofan-Triebwerks, das sichtlich von Suchoi-Jets stammte. Mit seiner Hitzesignatur würde dieser erste Entwurf „leuchten” wie das GUM-Kaufhaus. Als Antrieb diente offenbar ein AL-41F; ob dieses Triebwerk auch beim zweiten Exemplar hinter dem nun viel stärker im Stealth-Sinn abgeflachten Abgasauslass sitzt, ist vorerst nicht bekannt.

Beim ersten Design beeinträchtigten umfangreiche, grobe dielektrische Antennenflächen, Lufteinlasshutzen sowie diverse Mess-Sonden und -Instrumentengeber die Radarrückstrahlung stark – inzwischen sind sie größtenteils von der Außenhülle verschwunden. Abgesehen von einzelnen versenkten Nietenreihen wirkt die Oberfläche rundum relativ makellos. Ein Paar Luftdaten-Sonden ist noch vorhanden; bei einer künftigen Serienversion dürften wahrscheinlich auch diese entfallen. Vergleichbar ist das mit dem Unterschied zwischen den T-50-Prototypen des PAK-FA und den verfeinerten, serienrepräsentativen Su-57.
Auffällig sind am jetzt präsentierten Flugzeug blau und grau gefärbte Paneele an den Flügelvorderkanten und an der Nase. Gerade die Vorderkante spielt für eine geringe Erfassbarkeit eine entscheidende Rolle. Zu erwarten ist, dass diese Bereiche mit radarabsorbierendem Material (RAM) behandelt und beschichtet werden; unter der Außenhülle, die für bestimmte Bandbreiten transparent bleibt, dürften zudem Strukturen zur Dämpfung von Radarwellen zum Einsatz kommen. Außerdem steht noch die vollständige Lackierung der Drohne aus – womöglich im „pixeligen” Muster, das heuer auf der MAKS an einem Modell zu sehen war. Jenes Modell zeigte erstmals auch den flachen Abgasschlitz, der nun umgesetzt wurde.

Zeitplan womöglich zu ambitioniert
Von Fronteinsätzen ist die Kampfdrohne Ochotnik klar noch weit entfernt. Beim Roll-Out wurden ehrgeizige Zeitpläne genannt, wonach NAPO – wo derzeit die Su-34 gebaut wird – ab 2024 in Serie fertigen soll; aus heutiger Sicht scheint das womöglich nicht haltbar. Erhebliche Hürden sind noch zu nehmen. Dazu zählt, sicherzustellen, dass das UCAV seine Ambitionen in puncto geringer Beobachtbarkeit erfüllt und als wirksames Waffensystem im Verbund arbeitet – ermöglicht durch Command-and-Control-Software und eine Datenlink-Architektur. Seit dem Engagement in Syrien ab 2015 sammelt Russland allerdings rasch nützliche Einsatzerfahrung, wenn auch mit bescheideneren Drohnendesigns.

Für die russische Luft- und Raumfahrtindustrie insgesamt bringt es sicherlich erheblichen Nutzen, für das – nun überarbeitete – S-70 feinere Stealth-Technologien und Fähigkeiten zur industriellen Serienfertigung zu entwickeln. Denn wie Suchoi/UAC-Chef Juri Sljusar dem Autor in Dubai versicherte, arbeite man weiterhin an Entwürfen für Kampfflugzeuge neuerer und neuester Generation. Hinzu kommt natürlich die Exportversion Su-57E, an deren Export Sljusar Interesse hat. Ein Teil des Potenzials für diese Vorhaben liegt gewiss auch in den Arbeiten an Ochotnik und anderen unbemannten Systemen, deren Auslegung äußerlich bauartbedingt gleich oder ähnlich ist. Das gilt etwa für den mit Spannung erwarteten neuen strategischen Bomber PAK-DA, der Tu-22 und Tu-95 ersetzen soll und bei dem – wie beim neuen US-Bomber B21 – ebenfalls ein Nurflügler erwartet wird. Vorausgesetzt, er nimmt jemals tatsächlich Gestalt an.
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