ITAR als unterschätztes Risiko: Wie US-Exportregeln über Europas Drohnenprogramme mitentscheiden
Ein einziger US-Chip genügt, und ein in Europa entwickeltes Drohnensystem fällt unter ITAR. Laurynas Šatas zeigt in seinem Gastkommentar, warum das trotz Rekordausgaben Europas Handlungsfreiheit im Ernstfall einschränkt.

Für den Aufbau strategischer Autonomie gibt Europa jedes Jahr 739 Milliarden Euro aus. Zahlreiche Schlüsselkomponenten moderner europäischer Drohnensysteme fallen trotzdem nach wie vor unter amerikanische Exportbestimmungen wie ITAR. Daraus ergibt sich im Ernstfall ein operativer Engpass: Ohne Zustimmung aus Washington kann Europa die eigenen Systeme nicht uneingeschränkt einsetzen, verändern oder an Partner abgeben. Ein Gastkommentar von Laurynas Šatas.
Am 21. Mai geriet das Flugzeug des britischen Verteidigungsministers über der Ostflanke der NATO in massive GPS-Störungen, die Piloten mussten komplett auf Trägheitsnavigation umstellen. Kurz nach dem Start in Estland war das Satellitensignal durch vermutlich russische Störmaßnahmen beeinträchtigt worden, die Navigationsstörungen stiegen auf das Zwanzigfache des Normalwertes. Sichtbar wurde damit eine Schwachstelle, vor der Streitkräfte in Europa seit Jahren warnen.
Viele Armeen in Europa reagieren darauf, indem sie stärker auf optische Laser-Zielsysteme setzen, die auch bei einem Ausfall von GPS funktionieren. In fast allen europäischen Drohnenprogrammen fallen aber gerade diese Systeme unter die Exportvorschriften der USA.
Rekordausgaben und das SAFE-Mandat
„Europa erhöht seine Verteidigungsausgaben derzeit so stark wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr.“
Einen so starken Anstieg der Verteidigungsausgaben wie derzeit hat Europa seit den 1950er-Jahren nicht mehr erlebt. 739 Milliarden Euro wurden allein 2025 investiert, um 14 Prozent mehr als im Jahr davor. Ein beträchtlicher Teil des Geldes geht in autonome Systeme, gestützt durch Initiativen wie die European Drone Defence Initiative oder Eastern Flank Watch.
Damit diese Investitionen auch wirklich europäische Fähigkeiten stärken, hat die Europäische Union das SAFE-Mandat eingeführt. Es verlangt, dass bei einem von der EU finanzierten Rüstungsprojekt mindestens 65 Prozent der Komponenten aus Europa stammen.
Wie ITAR in europäische Drohnensysteme hineinwirkt
Wer europäische Produkte kauft, vermeidet damit ausländische Abhängigkeiten – davon gehen viele Beschaffungsorganisationen aus. In der Praxis greift aber oft dennoch ITAR (International Traffic in Arms Regulations), das amerikanische Regelwerk. Steckt in einem in Europa entwickelten Drohnensystem auch nur ein einziger Chip oder Sensor aus den USA, unterliegt rechtlich das ganze System der Exportkontrolle der USA. Die Plattform bezahlt also Europa, über ihren Einsatz entscheidet im Zweifelsfall aber das Außenministerium der USA.
Wie weit dieses Problem reicht, belegen auch die Zahlen. Aus Drittstaaten, in erster Linie aus den USA und China, kommen laut Europäischem Parlament derzeit bis zu 60 Prozent der Drohnenkomponenten, die in Europa montiert werden. Das steht im Widerspruch zum SAFE-Mandat: Weil es für viele Schlüsselkomponenten bisher keine souveräne europäische Industrie gibt, stellen die Beschaffungsbehörden Anforderungen, die derzeit kaum zu erfüllen sind.
„Nach Angaben des Europäischen Parlaments stammen derzeit bis zu 60 Prozent der in Europa montierten Drohnenkomponenten aus Drittstaaten, vor allem aus den USA und China.“
Rein theoretisch ist dieses Risiko keineswegs, wie sich schon 2023 gezeigt hat. Space X beschränkte damals die Nutzung von Starlink für Drohneneinsätze der Ukraine über der Krim. Den Ausschlag gaben dabei weder politische Entscheidungen noch internationale Verträge, sondern mögliche Folgen der Exportbestimmungen der USA.
In vielen Drohnenprogrammen europäischer NATO-Staaten steckt heute genau diese rechtliche Logik. Zwar sind die Vereinigten Staaten ein verlässlicher Verbündeter, , Verlässlichkeit heißt aber nicht automatisch Vorhersehbarkeit. Für den Einsatz der eigenen Verteidigungssysteme sollte Europa keine Genehmigung aus Washington brauchen. Mit dieser rechtlichen Abhängigkeit, einem strukturellen Problem, hat sich die Beschaffung in Europa bisher nicht ausreichend befasst.
Förderkriterium: frei von US-Exportkontrolle
Mittlerweile reagieren die Förderprogramme in Europa darauf. Den ITAR-freien Status führen sowohl ReArm Europe als auch das European Defence Industry Programme inzwischen ausdrücklich als Förderkriterium. Eine Abkehr von den transatlantischen Partnern sei damit nicht gemeint, sondern eine nüchterne Bewertung operativer Risiken.
Eine Analyse des Kiel Instituts kommt zu dem Schluss, dass Europa in den nächsten zehn Jahren mit rund 500 Milliarden Euro eine weitgehend eigenständige militärische Handlungsfähigkeit aufbauen könnte – unter der Bedingung, dass die zugrunde liegenden Systeme keinen externen Exportkontrollen unterworfen sind.
Bereits in der Entwicklung setzt dieses Umdenken an. Ich habe als Ingenieur selbst erfahren, dass Marketing kein wirklich ITAR-freies System hervorbringt – das gelingt nur mit einer von Grund auf neu gedachten Architektur. Ob Linse, Sensor oder Leiterplatte: Jedes Teil muss bewusst in Europa entwickelt oder beschafft werden.
Bei manchen besonders kritischen Komponenten war genau das bis vor Kurzem schlicht unmöglich. Vor allem leichte Laser-Zielsysteme zählten dazu, mit denen taktische Drohnen selbst bei schlechter Sicht oder ausgefallenem GPS präzise eingesetzt werden können.
Einen europäischen Anbieter, der solche Laser-Zielsysteme ohne ITAR-Beschränkungen im industriellen Maßstab liefern kann, gibt es erst seit Juni 2026. Davor unterlag zwangsläufig ausgerechnet jene Komponente den Exportvorschriften der USA, die wesentlich über die Präzision einer Drohne bestimmt.
„Wenn Europa Hunderte Milliarden Euro in seine Verteidigung investiert, müssen die beschafften Systeme auch vollständig den Staaten gehören, die sich im Ernstfall auf sie verlassen.“
Ob ein System in Europa montiert wurde, ist deshalb nicht die entscheidende Frage. Entscheidend sei vielmehr, ob jede für den Einsatz kritische Komponente schon vor der Vertragsunterzeichnung frei von Exportkontrolle der USA ist. Mein Unternehmen hat seine Systeme gezielt ITAR-frei entwickelt – nicht des Marketings wegen, sondern weil militärische Nutzer klargemacht hätten, dass sie in einer Krise nicht auf Genehmigungen aus Washington warten könnten.
Investiert Europa Hunderte Milliarden Euro in seine Verteidigung, dann müssen die beschafften Systeme auch zur Gänze jenen Staaten gehören, die sich im Ernstfall auf sie verlassen.
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