Eurobotics: Vernetzung ist Schlüssel zur Multi-Domain-Fähigkeit
Unbemannte Systeme gewinnen für moderne Streitkräfte zunehmend an Bedeutung. Das deutsche Unternehmen Eurobotics GmbH verfolgt dabei einen Ansatz, der über die Entwicklung einzelner Plattformen hinausgeht: Systeme aus unterschiedlichen Dimensionen sollen miteinander vernetzt und je nach Auftrag flexibel zu einem gemeinsamen Multi-Domain-Verbund kombiniert werden.

Ziel ist eine technologische Basis, die leistungsfähig, skalierbar und auch unter realen Einsatzbedingungen verfügbar bleibt. Denn nicht jede Plattform muss alles können – entscheidend ist, wie gut unterschiedliche Systeme zusammenwirken. Im Interview erläutert CEO Raffael Klaschka, wie Eurobotics diese Vision umsetzen will.
Herr Klaschka, wie wird sich Ihrer Einschätzung nach die militärische Systemlandschaft in den kommenden Jahren verändern? Werden wir zunehmend vollständig vernetzte Gesamtsysteme sehen?
In den kommenden fünf Jahren werden wir noch kein vollständig integriertes Gesamtsystem sehen, in dem jeder militärische Akteur jederzeit auf sämtliche Daten zugreifen kann. Realistischer sind Systemverbünde, die innerhalb eines begrenzten Operationsraums miteinander kommunizieren und ein gemeinsames Lagebild erzeugen. Diese Verbünde werden aus wenigen hochkomplexen, technologisch anspruchsvollen Plattformen bestehen, ergänzt durch eine größere Zahl kleinerer, kostengünstiger und skalierbarer Systeme, die kurzfristig nachproduziert werden können und deren Ausfall keine entscheidende Lücke hinterlässt. Der eigentliche Mehrwert entsteht jedoch erst durch Vernetzung dieser Systeme.

Was bedeutet diese Vernetzung konkret?
Ein unbemanntes Landfahrzeug wie der MULE verändert sein Lagebild, sobald es mit Luftinformationen versorgt wird, und liefert seinerseits Daten, die etwa für die Drohnenabwehr relevant sind. Eine Unterwasserdrohne wie der Speartooth erweitert dieses Lagebild wiederum um Bereiche, die für andere Plattformen kaum zugänglich sind. Der Grundsatz dabei lautet: Daten müssen dort verfügbar sein, wo sie gebraucht werden, unabhängig davon, von welcher Plattform sie stammen. Über einen Zeitraum von 20 Jahren gedacht, wird Masse zu einem eigenständigen militärischen Bewertungsfaktor. Dabei geht es nicht um Masse als Selbstzweck, sondern um Verfügbarkeit, Ersetzbarkeit und Durchhaltefähigkeit.
Wie sieht die Vision eines Multi-Domain-Systems von Eurobotics aus?
Wir bei Eurobotics fragen nicht allein nach maximaler technischer Komplexität, sondern ebenso danach, wie ein System im Einsatz funktioniert, wie es sich mit anderen Plattformen verbinden lässt und ob es in realistischer Stückzahl verfügbar sein kann. Unsere langfristige Vision ist deshalb kein monolithisches Gesamtsystem, sondern ein intelligenter Verbund: hochleistungsfähige Plattformen, ergänzt durch viele flexible und wirtschaftlich einsetzbare Systeme.
Welche technologischen Voraussetzungen sind dafür notwendig?
Die erste Voraussetzung ist eine gemeinsame technische Sprache. Verschiedene Systeme müssen Daten nicht nur austauschen, sondern auch verstehen können. Ein Sensor muss beispielsweise eindeutig beschreiben, was er erfasst hat, mit welcher Sicherheit die Information vorliegt und für welche anderen Systeme sie relevant sein könnte. Ohne standardisierte Schnittstellen, Datenmodelle und Kommunikationswege bleiben selbst technisch hochentwickelte Plattformen weitgehend nebeneinander stehen.
„Ohne standardisierte Schnittstellen, Datenmodelle und Kommunikationswege bleiben selbst technisch hochentwickelte Plattformen weitgehend nebeneinander stehen.“
Was wäre der nächste Schritt?
Der nächste Schritt ist die Datenfusion: Informationen unterschiedlicher Sensoren müssen zusammengeführt und zu einer belastbaren Grundlage für Entscheidungen verdichtet werden. Künstliche Intelligenz kann dabei unterstützen, indem sie große Datenmengen schneller auswertet, priorisiert und Muster erkennt. Allerdings muss klar zwischen technischer Möglichkeit und tatsächlicher Einsatzreife unterschieden werden. Gerade bei sicherheitskritischen Funktionen spielen Zulassung, Nachvollziehbarkeit und die zulässige Autonomiestufe eine zentrale Rolle. Ein weiterer Faktor ist die Bedienung. Plattformen müssen nicht identisch funktionieren, sollten sich aber nach möglichst ähnlichen Prinzipien steuern lassen. Wer zwischen verschiedenen Systemen wechselt, sollte nicht jedes Mal eine völlig neue Bedienlogik erlernen müssen. Das spart Ausbildungszeit und reduziert gerade unter Belastung die Fehleranfälligkeit.

Welche Rolle spielt dabei die Kompatibilität?
Ein unbemanntes Landfahrzeug, eine Luftplattform und ein Unterwassersystem haben naturgemäß unterschiedliche Aufgaben. Dennoch sollten sie gemeinsame Aufträge sowie Status- und Lageinformationen verarbeiten können. Genau diese Kompatibilität schafft die Voraussetzung dafür, einen solchen Verbund später flexibel zu erweitern. Bei Eurobotics fließt praktische Einsatzerfahrung in solche Fragen ein: Wir betrachten nicht nur Reichweiten oder Leistungsdaten, sondern auch die realen Bedingungen wie Zeitdruck, eingeschränkte Kommunikation, wechselnde Prioritäten und die Notwendigkeit, das Personal so wenig wie möglich zusätzlich zu belasten. Denn am Ende müssen alle Ebenen zusammenpassen: die technische Sprache, die Kommunikation, die Datenverarbeitung, der Einsatz von KI und die gemeinsame Bedienlogik.
Wo liegt die optimale Balance zwischen menschlicher Kontrolle und Autonomie?
Eine feste, für alle Situationen gültige Balance gibt es nicht. Das Verhältnis zwischen menschlicher Kontrolle und autonomem Handeln hängt vom Einsatzszenario, von der taktischen Lage, vom jeweiligen Regelwerk und den Rules of Engagement ab. Ein System muss deshalb unterschiedliche Autonomiestufen unterstützen können. In einer Situation kann direkte menschliche Kontrolle erforderlich sein, in einer anderen kann es sinnvoll oder sogar notwendig sein, dass das System innerhalb eines klar definierten Rahmens selbstständig handelt, etwa wenn große Entfernungen, hohe Geschwindigkeit oder besondere Gefährdung eine unmittelbare Reaktion erfordern. Autonome Systeme eignen sich vor allem für Aufgaben, die schnell, repetitiv oder datenintensiv sind: Navigation, Überwachung, Aufklärung, die Verarbeitung großer Sensordatenmengen oder logistische Tätigkeiten. Bei längeren Einsätzen können autonome Funktionen das Personal zudem deutlich entlasten.
„Unsere langfristige Vision ist kein monolithisches Gesamtsystem, sondern ein intelligenter Verbund: hochleistungsfähige Plattformen, ergänzt durch viele flexible und wirtschaftlich einsetzbare Systeme.“
Wo wird dem Faktor Mensch weiterhin eine wichtige Rolle zukommen?
Der Mensch bleibt dort unverzichtbar, wo Kontext, Verantwortung und Abwägung eine Rolle spielen – etwa bei der Festlegung des Auftrags, der Bewertung unklarer Situationen, Entscheidungen über eine Eskalation und der Ausübung von Kontrolle innerhalb des rechtlichen und operativen Rahmens. Die Systeme sollten den Menschen dabei nicht aus dem Prozess verdrängen, sondern seine Handlungsfähigkeit erhöhen. Ein Bediener muss nicht jede einzelne Bewegung einer Plattform steuern, wenn das System diese Aufgabe zuverlässig übernehmen kann. Er muss jedoch verstehen, was das System tut, welche Grenzen gelten und wann ein Eingreifen erforderlich ist. Wie viel Autonomie zugelassen wird, entscheidet letztlich der Nutzer.
Welche Aufgabe übernimmt bei der Frage der Autonomie der Hersteller?
Unsere Aufgabe als Hersteller ist es, die dafür notwendigen technischen Möglichkeiten bereitzustellen und sicherzustellen, dass der Bediener die Autonomiestufe anpassen, einen Auftrag ändern oder jederzeit wieder die Kontrolle übernehmen kann. Autonomie ist kein Selbstzweck. Sie sollte dort eingesetzt werden, wo sie einen konkreten Vorteil bietet, so etwa bei Reaktionszeit, Ausdauer, Reichweite oder der Entlastung des Personals. Gleichzeitig muss das Gesamtsystem jederzeit beherrschbar bleiben. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „Mensch oder Maschine?”, sondern: Welche Aufgabe kann das System in einer konkreten Situation besser übernehmen, und an welcher Stelle muss der Mensch die Entscheidung führen?

Wie können Ihre Systeme mit bestehenden militärischen Strukturen und Plattformen verschiedener Nationen zusammenarbeiten?
Interoperabilität beginnt mit gemeinsamen Standards. Unsere Systeme müssen Informationen, Statusmeldungen und operative Vorgaben in einer Form verarbeiten können, die mit bestehenden militärischen Führungs-, Kommunikations- und Informationssystemen kompatibel ist. Dabei reicht es nicht aus, dass eine Plattform lediglich Daten senden und empfangen kann. Sie muss sich in die bestehenden Abläufe einfügen: Wie erhält sie ihren Auftrag? Wo werden ihre Sensordaten angezeigt? Wer kann darauf zugreifen? Und wie wird aus einer Information eine konkrete Handlung? Das ist letztlich eine Frage der Integration. Ein unbemanntes System sollte sich möglichst selbstverständlich in das Lagebild und in die Führungsprozesse der jeweiligen Streitkraft einfügen. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mehrerer Plattformen, die aus unterschiedlichen Dimensionen gemeinsam ein Lagebild erzeugen und ihre Daten gegenseitig nutzbar machen sollen.
Welche Fähigkeiten würden Sie noch neben den technischen Standards nennen?
Technische Standards sind, wie erwähnt, eine wichtige Grundlage. Ebenso entscheidend sind jedoch Training, Bedienkonzepte und die gemeinsame Planung mit den jeweiligen Partnern. Das Personal muss nicht nur wissen, wie eine Plattform bedient wird, sondern auch, wie sie in die eigenen Führungs- und Einsatzabläufe eingebunden ist und wo ihre Grenzen liegen. Gerade unter realen Einsatzbedingungen zeigt sich, ob eine Integration tatsächlich funktioniert. Zeitdruck, unvollständige Informationen, gestörte Kommunikation oder wechselnde Prioritäten lassen sich nicht im Datenblatt abbilden. Genau solche Bedingungen müssen deshalb bereits in die Entwicklung und Erprobung einfließen. Welche Kombination von Systemen und Fähigkeiten sinnvoll ist, hängt letztlich vom Auftrag, den vorhandenen Strukturen und den jeweiligen nationalen Vorgaben ab.
Wie wird sich der Einsatz unbemannter Systeme in den kommenden Jahren entwickeln?
Wir stehen beim Einsatz unbemannter Systeme erst am Anfang einer größeren Entwicklung. Die Systeme werden autonomer, vielseitiger und stärker vernetzt werden. Die entscheidende Frage ist dabei nicht, ob sich wenige komplexe Plattformen oder viele kleinere Systeme durchsetzen. Wir werden beides brauchen. Es wird weiterhin Plattformen geben, deren Entwicklung viele Jahre dauert und die hoch anspruchsvolle Fähigkeiten bereitstellen. Gleichzeitig werden Systeme an Bedeutung gewinnen, die in größerer Zahl verfügbar sind, sich kurzfristig nachproduzieren lassen und wirtschaftlich betrieben werden können. Damit wird das Verhältnis von Fähigkeit und Verfügbarkeit zunehmend wichtiger.
„Kunden werden künftig keine isolierte Plattform für jedes Szenario benötigen, sondern Systeme, die sich miteinander kombinieren und flexibel an den jeweiligen Auftrag anpassen lassen.“
Inwiefern?
Eine technisch herausragende Plattform ist nur eingeschränkt nutzbar, wenn davon zu wenige verfügbar sind oder sich ein Ausfall kaum kompensieren lässt. Umgekehrt kann ein weniger komplexes System einen hohen operativen Wert haben, wenn es in ausreichender Zahl zur Verfügung steht und für mehrere Aufgaben eingesetzt werden kann. Ein Unterwassersystem wie der Speartooth steht beispielhaft für diese Überlegung. Wenn ein System von Anfang an auf wirtschaftliche Fertigung und skalierbare Nutzung ausgelegt ist, kann der Nutzer mögliche Verluste anders in seine Einsatzplanung einbeziehen. Das erhöht die Durchhaltefähigkeit des gesamten Verbunds. Ähnliches gilt für die Vielseitigkeit. Ein unbemanntes Landfahrzeug kann je nach Ausrüstung als Sensorträger, Lastenträger oder Transportfahrzeug eingesetzt werden. Ein Drohnenabwehrsystem kann eigenständig oder im Verbund operieren.
Die Zukunft gehört also Systemen, die sich miteinander kombinieren lassen …
Genau. Kunden werden künftig keine isolierte Plattform für jedes Szenario benötigen, sondern Systeme, die sich miteinander kombinieren und flexibel an den jeweiligen Auftrag anpassen lassen. Die jüngsten Konflikte haben zudem gezeigt, dass Verschleiß und Verluste bei der Planung stärker berücksichtigt werden müssen. Eine Streitkraft muss sich fragen, wie schnell Systeme verfügbar sind, wie einfach sie ersetzt werden können und welche Gesamtwirkung trotz Ausfällen erhalten bleibt.
Was ist dabei der Leitgedanke von Eurobotics?
Unser eigener Anspruch lässt sich in drei Gedanken zusammenfassen: Systeme müssen leistungsfähig genug sein, um im Verbund einen echten Unterschied zu machen. Sie müssen in ausreichender Zahl verfügbar sein. Und sie müssen wirtschaftlich genug bleiben, damit aus technischer Leistungsfähigkeit dauerhaft nutzbare operative Wirkung entsteht. Die Zukunft gehört deshalb einem abgestuften Verbund aus wenigen leistungsfähigen Schlüsselplattformen und vielen flexiblen, skalierbaren autonomen Systemen. Der entscheidende Maßstab wird sein, wie gut dieser Verbund unter realen Bedingungen funktioniert.
Fotocredits
© Eurobotics GmbH · © Gábor Orbán · © NATOWeiterlesen

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