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Unmanned Systems / Aerial Drones

Kampfdrohnen in Bergkarabach: Wie Aserbaidschans Drohnensturm die armenische Luftabwehr überwältigte

Weltweit beachtet wurde der breite Einsatz von Kampfdrohnen im Krieg um Bergkarabach. Die Analyse zeigt, woran die armenische Luftabwehr scheiterte – und warum Europas Streitkräfte darin einen Weckruf sehen sollten.

Combat drones in Nagorno-Karabakh: how Azerbaijan’s drone storm overwhelmed Armenian air defence
Gefürchteter Feind: Aserbaidschans Drohnen hatten auch auf die Moral angegriffener Truppen eine verheerende Wirkung. Von der akustischen Wahrnehmung bis zum Einschlag vergingen oft nur Sekundenbruchteile.

Für die europäischen Streitkräfte sollte der Krieg um Bergkarabach ein Weckruf sein: Kampfdrohnen kamen dort breit und mit Erfolg zum Einsatz, was rund um den Globus Aufsehen erregte.

Bis vor Kurzem wirkte es, als seien militärische Konfrontationen zwischen den Armeen unterschiedlicher Staaten Geschichte. Nahezu alle Konflikte der letzten Jahrzehnte folgten einem asymmetrischen Muster: Ein (meist) staatlicher Akteur oder ein Bündnis verfügte über die Luftüberlegenheit und ging damit gegen irreguläre Kräfte, Milizen, Rebellengruppen oder Terrororganisationen wie den Islamischen Staat vor. Ausnahmen bildeten der Kaukasuskonflikt 2008 und die Kämpfe in der Ukraine 2014 – mit einem Ausgang, der die Regel am Ende nur zu bestätigen schien. Vor diesem Hintergrund markiert das jüngste Vorgehen Aserbaidschans durchaus eine Zäsur: Baku setzte zur Rückeroberung jener sieben Territorien an, die seit 1994 von Armenien besetzt waren. Was über Jahrzehnte am Verhandlungstisch nicht gelungen war, erreichte seine Armee auf dem Schlachtfeld in nur 44 Tagen.

Zeitenwende in der Einsatzführung

Als Zeitenwende lässt sich die Auseinandersetzung, die am 10. November 2020 mit einem von Russland vermittelten Waffenstillstand endete, aber auch wegen der Art ihrer Einsatzführung begreifen. In sozialen Medien kursierten Videos von zerstörten Panzern und Radars, von brennenden Gefechtsfahrzeugen und von Soldaten, die hektisch und ohne Chance nach Deckung suchten. Was die Bilder nicht zeigten: Hinter diesen Angriffen und Zerstörungen standen Hunderte Drohnen – bewaffnet oder selbst als Kampfmittel wirkend. Ihre brutale Wirksamkeit ließ der armenischen Armee am Ende wenig Chance.

@Archiv
Gefürchteter Feind: Aserbaidschans Drohnen hatten auch auf die Moral angegriffener Truppen eine verheerende Wirkung. Von der akustischen Wahrnehmung bis zum Einschlag vergingen oft nur Sekundenbruchteile.

Am Mut der Soldaten Jerewans lag das nicht, ebenso wenig an mangelhafter Ausbildung oder Ausrüstung, und mit veraltetem Kriegsmaterial mussten sie sich auch nicht begnügen. Ganz im Gegenteil schnitten sie mehrfach azerische Einheiten ab, die zu weit vorgestoßen waren, und vernichteten sie. Entscheidend war etwas anderes: Ihre Art der Kriegführung hatte die technologische Entwicklung der letzten Jahre bereits überholt, und an einer zentralen Stelle zeigte sie eine große Schwäche. Gegen den gewaltigen Drohnensturm konnte sich ein Luftabwehrschirm aus bodengebundenen Luftverteidigungssystemen, die untereinander nicht vernetzt waren, nicht halten – er wurde erstaunlich rasch überwältigt. Danach nutzte Baku seine türkischen und israelischen Drohnen nicht bloß dazu, armenische Stellungen und schwere Waffen zu überwachen und einzeln auszuschalten. Vielmehr gestaltete und beherrschte es mit ihnen das gesamte Schlachtfeld. In großem Maßstab sichtbar wurde damit, wie ein bewusstes, hochgradig koordiniertes und vernetztes Vorgehen in der Wirklichkeit aussieht: elektronische Kriegführung, Aufklärung und Überwachung, dazu natürlich Einsatz und Logistik der Waffenträgersysteme.

Bilanz der Kampfdrohnen: Panzer, Geschütze, Luftabwehr

Die unbemannten Systeme besitzen eine winzige Radarreflexion, kaum größer als die eines kleinen Vogels. Allein ihnen – allen voran dem türkischen Doppelrumpfentwurf Bayraktar TB-2 und der israelischen „Kamikaze-Drohne” IAI-Harop – sind 85 Panzer vom Typ T-72A/AV/B, 30 weitere gepanzerte Kampffahrzeuge, 32 Artilleriegeschütze, 25 Mehrfachraketenwerfer sowie 25 Boden-Luft-Raketen- und Radarsysteme zuzurechnen. Vor allem die letzte Gruppe verdient Beachtung: Die Harop zerstörten sogar drei Starter 5P85S der russischen S-300-Luftabwehr (NATO: SA-10), die im Westen durchaus Respekt genießt, außerdem ein 5N63- (Flap Lid) und zwei ST-6U/UM-Systeme (Tin Shield).

Getroffen wurden ebenso zwölf SA-8 (Osa) und ein Flugabwehr-Raketensystem SA-15 Tor. Deren Radar hatte die kleine, langsame Harop, die kaum Wärme abstrahlt, offenbar nicht erfasst und konnte deshalb keine Feuerleitlösung herstellen. Hinzu kommt, dass Baku Standorte und Frequenzen der armenischen Luftabwehr schon früh kannte. Aufgeklärt hatten sie alte Antonow-2-Doppeldecker, die zu ferngesteuerten „Drohnen“ umgebaut worden waren. Als zu Kriegsbeginn mehrere dieser Maschinen abgeschossen wurden, war ihre Arbeit längst getan.

Lehren für Europas Luftabwehr

Aus europäischer Sicht ist der massive und erfolgreiche Drohneneinsatz ebenfalls aufschlussreich. Das Vorgehen könnte als Blaupause für künftige Konflikte und Auseinandersetzungen an anderen Orten dienen – und die meisten europäischen Armeen wären bei einem vergleichbaren Drohnenszenario wohl genauso schnell überfordert und überwältigt wie Armenien. Milliarden für neue Boden-Luftabwehr müssen dafür nicht zwingend fließen, denn völlig veraltet waren die meisten russischen Systeme in Karabach keineswegs. Das Problem lag in ihren nicht mehr zeitgemäßen Sensoren und vor allem in der fehlenden Einbindung in ein vernetztes, integriertes Luftlage- und Luftabwehrbild. Ist diese gegeben, taugen auch klassische Fliegerabwehrkanonen zur Drohnenbekämpfung – etwa jene im Kaliber 3,5 cm, die beim Bundesheer in Verwendung stehen, und das sogar mit ihrer Skyguard-Feuerleitung.

Nötig ist dafür allerdings eine Anpassung der Skyguard mit einem AESA-Sensor bzw. einem Netzwerk mit lernender Intelligenz, außerdem sogenannte „Airburst”-Munition: zeitgezündete Zerlegermunition mit kinetischer Splitterwirkung.

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