Zum Inhalt springen
Unmanned Systems / Aerial Drones

Geran-2E: Russlands Drohne mit Verba-Rakete gefährdet vor allem die zivile Luftfahrt

Eine schultergestützte Flugabwehrrakete auf dem Rücken, chinesische Kamera und Funktechnik an Bord: Der ukrainische Nachrichtendienst DIU hat Details zur Geran-2E offengelegt. Für Militärpiloten ist sie beherrschbar, für startende und landende Verkehrsflugzeuge nicht.

Russia's Geran-2E: a threat to aviation
© Archiv

Zur Geran-2E, der neuesten Abwandlung der russischen Geran-Drohnen, hat der ukrainische Verteidigungsnachrichtendienst (DIU) Informationen veröffentlicht – auf dem Portal „Krieg & Sanktionen” in der Kategorie „Waffensysteme”, Abschnitt „Waffenkomponenten”. Die Konstruktion baut auf der Geran-2-Drohne auf und wird als Serie „E” bezeichnet. Ihr auffälligstes Merkmal sitzt am Rücken: ein tragbares Luftverteidigungssystem (MANPADS, -> Kleinstraketen mit großer Wirkung: Was sind MANPADS?) vom Typ 9K333 Verba, der jüngsten russischen Generation.

Kamera und Zielverfolgung aus China

Russlands Geran-2E: Bedrohung für die Luftfahrt
Das Honpho TS130C-01 ist mit Sicherheit in der Lage ein erkennbares Bild von Luftfahrzeugen aus größerer Entfernung zu ermöglichen. · © Archiv

Im Bug der Drohne steckt eine elektro-optische und Infrarotkamera, auf drei Achsen stabilisiert, Typ Honpho TS130C-01 aus China. Das schwenkbare Gerät wiegt 1,26 Kilogramm und zeichnet Taglicht-Videos in HD auf; es detektiert bis zu 15 Kilometer weit und erkennt Fahrzeuge auf acht Kilometer. Für den Infrarotsensor gelten 4,2 Kilometer beziehungsweise ein Kilometer. Ergänzt wird das Paket durch einen Laserentfernungsmesser mit bis zu vier Kilometer Reichweite. Nach Herstellerangaben beherrscht die Kamera unter anderem Such-, Verfolgungs- und Führungsmodi.

Zivile Netze als Steuerkanal

Festgehalten wird vom DIU, dass „der Einsatz dieser Modifikation eine manuelle Echtzeitsteuerung durch einen Bediener erfordert”. Dafür hat die Drohne ein Mesh-Modem XK-F358 an Bord, hergestellt von Xingkay Tech in der VR China. Es funkt in den Bändern UHF, L und S sowie im C-Band zwischen 350 MHz und 6.000 MHz und überträgt Daten mit bis zu 100 Mbps/20MHz und 180 Mbps/40MHz.

Russlands Geran-2E: Bedrohung für die Luftfahrt
Das Modem ermöglicht zeitverzugsloses Umschalten des Empfangs aus verschiedenen Quellen, auch dem mobilen Internet. · © Archiv

Mobile Kommunikation ist mit dem Gerät auch bei mehr als 800 km/h möglich. In Mesh-Netzwerken kennt es keine Obergrenze für die Zahl der Hops; Netzwerkzugriff, Aktualisierung und Umschalten dauern jeweils unter einer Sekunde.

Steuern lässt sich das System dadurch beispielsweise über offene WLAN-Netze, über 4G-LTE-Mobilfunk oder via Satellit. In der Geran-2 gehören dazu ein Mikrocomputer Raspberry PI 4 Model, ein USB-Modem für 3G/4G, ein Flugregler, ein Trägheitsnavigationssystem sowie ein 12-Kanal-Empfänger „Kometa” für das globale Satellitennavigationssystem (GNSS).

Geran-2E trägt eine Verba-Flugabwehrrakete

Montiert ist auf der Geran-2E die schultergestützte Flugabwehrrakete 9K333, die bei der NATO SA-29 Gizmo heißt. Sie ist aus der älteren Igla-S-Reihe hervorgegangen und derzeit das modernste russische System dieser Art. Ihre Stärken sind eine bessere Zielerkennung und eine höhere Resistenz gegen Störmaßnahmen. Im multispektralen optischen Suchkopf arbeiten drei Sensoren: ultraviolett, nah-infrarot und mittel-infrarot. So soll die Rakete Ziele besser von Täuschkörpern oder anderen Störmaßnahmen unterscheiden können, was zugleich die Gefahr senkt, dass sie sich davon ablenken lässt. Nach Angaben des Herstellers bekämpft 9K333 auch Luftziele mit geringer Infrarotsignatur wirksam.

Vom Boden aus abgefeuert, reicht die Waffe effektiv bis zu rund 6,5 Kilometer weit und maximal auf 4,5 Kilometer Höhe. Das Gewicht liegt bei 17,25 Kilogramm.

Russlands Geran-2E: Bedrohung für die Luftfahrt
Das Verba MANPADS zählt zur vierten Generation der schultergestützten Flugabwehrsystemen und ist gebaut um von einem Soldaten bedient zu werden. · © Archiv

So wird die Rakete ausgelöst

Hat der Bediener ein Luftziel erfasst, schaltet er der Reihe nach zwei Servomechanismen zu. Mit dem ersten werden die chemische Batterie und das Stickstoffkühlsystem des MANPADS-Suchkopfes in Gang gesetzt. Der zweite öffnet eine eigens entwickelte Schutzabdeckung, sobald der Suchkopf die nötige Temperatur hat. Den Abzug der Rakete hält dem DIU zufolge ein Kabelbinder dauerhaft gedrückt; erfasst der Suchkopf ein Ziel, startet sie daher sofort automatisch.

Auch nachdem die MANPADS-Rakete abgefeuert ist, bleibt die Drohne vermutlich gefährlich: An Bord des untersuchten Exemplars befand sich neben der Verba noch ein vollwertiger thermobarischer Primärsprengkopf.

Einschätzung der Bedrohung

Aus ukrainischer Sicht antwortet Russland mit der Drohne auf die erfolgreichen Einsätze von ukrainischen Luftwaffe und Heeresfliegern gegen feindliche unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs). Russland arbeite damit aktiv daran, seine unbemannten fliegenden Plattformen für die Bekämpfung von Luftzielen umzurüsten.

So wie sie derzeit gebaut ist, bedroht die Geran-2E jedenfalls jedes Luftfahrzeug, das in ihre Reichweite gerät. Über die Kommunikationsanlage kann sie per Satellit ebenso gesteuert werden wie über lokale zivile Netze. Innerhalb der Sensorreichweite der Honpho-Kamera sucht der Operator nach Zielen. Damit die Zielerfassung gelingt, muss die Drohne jedoch direkt auf das erkannte Ziel zufliegen, denn MANPADS-Systeme schalten sich auf, indem sie direkt auf das Ziel gerichtet werden.

Erfahrene Militärpiloten können ihren Anflug deshalb relativ einfach anpassen oder den Manövern der Drohne ausweichen. Kurs und Höhe kann die Geran-2 zwar ändern, aber nur in engen Grenzen. Roll-, Nick- und Giermanöver, wie sie die Dynamik eines Luftkampfs verlangt, beherrscht die Drohne jedenfalls nicht.

Russlands Geran-2E: Bedrohung für die Luftfahrt
Die Montage einer Flugabwehrrakete macht aus einer Drohne kein Luftkampfsystem und ist primär gefährlich für Luftfahrzeuge die sich nicht wehren können. · © Archiv

Gefahr für Verkehrsflugzeuge

Erheblich bedroht sind hingegen Luftfahrzeuge und Piloten, die solche Ausweichmanöver nicht fliegen können, etwa zivile Flugzeuge. Das System ist daher weniger als militärische Waffe zu sehen, sondern viel eher als potenzielle Terrorwaffe.

Weil die Geran-2 potenziell über 1.000 Kilometer weit fliegen kann, ist nicht auszuschließen, dass die zivile Luftfahrt in weiten Teilen Europas gefährdet ist. Besonders exponiert sind Zivilflugzeuge, die in der Nähe von Flughäfen starten oder landen. Maschinen in Reiseflughöhe kann die Geran-2E auf diese Weise dagegen nicht gefährden.

Weltweit wurden zivile Luftfahrzeuge seit den 1970er-Jahren mehr als 40 Mal mit schultergestützten MANPADS-Flugabwehrraketen angegriffen. 28 Maschinen stürzten dabei ab, über 800 Passagiere kamen ums Leben.

Russlands Geran-2E: Bedrohung für die Luftfahrt
Die MANPADS-Rakete kann nur nach erfolgter Aufschaltung auf ein Ziel gestartet werden, dass sich dafür direkt vor dem Sensor befinden muss. · © Archiv

Am 17. Juli 2014 schossen prorussische Separatisten über der Ostukraine den Malaysia-Airlines-Flug MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur ab – mit einem russischen Buk-Raketensystem (NATO-Code: SA-11 Gadfly), das Russland bereitgestellt hatte. Keiner der 298 Menschen an Bord überlebte. Der Abschuss gilt als eines der schwerwiegendsten Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt. Drei Männer, zwei Russen und ein Ukrainer, wurden 2022 von einem niederländischen Gericht wegen ihrer Beteiligung verurteilt.

Eine Pantsir-S1-Rakete der russischen Flugabwehr traf im Dezember 2024 den Azerbaijan-Airlines-Flug J2-8243, der von Baku nach Grosny unterwegs war. Schwer beschädigt stürzte die Maschine beim Versuch einer Notlandung in Kasachstan ab; 38 der 67 Menschen an Bord starben.

Fotocredits

© Archiv
Werbung336 × 280
Perimeter Protection 2027 – Jetzt Ticket sichern! 19.–21. Januar 2027, Nürnberg (incontent)

Weiterlesen

Die Woche der unbemannten Systeme.