Quantum Systems: „Unbemannt immer, wenn möglich – bemannt nur noch, wenn nötig“
Vom kleinen Aufklärer bis zum optional bemannten Turboprop-Flugzeug, vom autonomen Fahrzeug bis zu künftigen maritimen Systemen: Quantum Systems baut sein Portfolio massiv aus. Im Gespräch erklärt Kommunikationschef Paul Strobel, warum klassische MALE-Drohnen zunehmend unter Druck geraten, wie die neue P19 zum „Schwarmjäger” werden könnte und weshalb das Unternehmen langfristig zum europäischen Prime für unbemannte Systeme werden will.

Herr Strobel, Quantum Systems hat zuletzt mit der P19 ein Flugzeug vorgestellt, das auf den ersten Blick kaum in das bisherige Portfolio passt. Was steckt dahinter?
Wir haben mit der P19 ein Turboprop-Flugzeug vorgestellt, das bemannt oder unbemannt geflogen werden kann. Wir sprechen über rund elf Meter Spannweite und elf Meter Länge sowie – abhängig von der Konfiguration – über bis zu 2.000 Kilometer Reichweite. Besonders ist auch die hohe Zuladung von insgesamt zwei Tonnen: 1,5 Tonnen unter den Tragflächen und weitere 500 Kilogramm im Rumpf. Dass wir jetzt ein Flugzeug bauen, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Wir sind seit 2022 in der Ukraine aktiv und haben dort gesehen, dass klassische MALE-Drohnen zunehmend Probleme haben. In der Ukraine waren es beispielsweise die Bayraktar, die relativ schnell vom Himmel verschwunden sind. Zuletzt haben wir ähnliche Entwicklungen auch in anderen Konflikten gesehen. Deshalb haben wir uns gefragt: Macht das klassische Konzept der MALE-Drohne eigentlich noch Sinn?

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Gleichzeitig mit der zunehmenden Verwundbarkeit sehen wir die wachsende Bedeutung von Deep Strike und Long-Range Precision Fires. Dafür braucht man wiederum aktuelle Zieldaten. Diese können aus dem Weltraum kommen, klassischerweise ist das aber auch eine Aufgabe von MALE-Drohnen. Also haben wir uns gefragt: Wie kann man eine ISR-MALE-Drohne neu denken? Wenn solche Systeme abgeschossen werden können, müssen sie zunächst deutlich günstiger werden. Deshalb sieht die P19 aus wie ein klassisches Turboprop-Flugzeug, das aber auch ohne Piloten funktioniert. Damit wollen wir preislich deutlich nach unten kommen. Dazu kommt die Geschwindigkeit. Durch den Turboprop-Antrieb fliegen wir etwa doppelt so schnell wie eine klassische MALE-Drohne. Auch das ist ein Sicherheitsfaktor.
Und die hohe Zuladung soll der P19 sogar ermöglichen, sich selbst zu verteidigen?
Genau. Wir sehen zunehmend das Gefecht Drohne gegen Drohne. Quantum Systems entwickelt selbst Abfangdrohnen. Deshalb haben wir uns überlegt, einige davon unter die Tragflächen zu hängen, damit sich das Flugzeug auf seiner Mission selbst verteidigen kann. Wir haben insgesamt sechs Aufnahmepunkte für Nutzlasten. In einer ISR-Konfiguration könnten zwei davon mit aktiven Gegenmitteln bestückt werden. Dann bleiben noch vier weitere übrig.
Damit kommen wir zu einem ungewöhnlichen Einsatzkonzept: Die P19 könnte als eine Art „Schwarmjäger” eingesetzt werden?
„Schwarmjäger” ist ein schönes Wort. Bleiben wir dabei. In der Ukraine sehen wir nächtliche Shahed-Angriffe mit teilweise 100 oder 200 Drohnen gleichzeitig. Wenn man Abfangdrohnen einzeln vom Boden startet, ist das nicht besonders effizient. Unsere Idee ist deshalb, die P19 zu nutzen, um eine größere Zahl solcher Systeme bereits in der Luft in die Nähe eines anfliegenden Schwarms zu bringen. Dort werden sie ausgesetzt. Der eigentliche Kampf findet dann Roboter gegen Roboter beziehungsweise Schwarm gegen Schwarm statt. Das Flugzeug selbst hält sich heraus und kann in der Nähe bleiben, um den Einsatz zu überwachen oder zu koordinieren.
„In der Ukraine sehen wir nächtliche Shahed-Angriffe mit teilweise 100 oder 200 Drohnen gleichzeitig. Wenn man Abfangdrohnen einzeln vom Boden startet, ist das nicht besonders effizient.“
Das heißt, eine P19 könnte gleich mehrere Abfangdrohnen in den Einsatz bringen?
Nicht nur mehrere. Mit zwei Tonnen Zuladung kann man schon sehr viele unserer Abfangdrohnen mitführen.
Die P19 ist zunächst optional bemannt ausgelegt. Ist die unbemannte Variante trotzdem das eigentliche Ziel?
Ja. Unser Slogan dazu lautet: „Unbemannt immer, wenn möglich – bemannt nur noch, wenn nötig.” Dass wir zunächst eine bemannte Variante entwickeln, hat vor allem mit Zertifizierung und Zulassung zu tun. Wir haben bei anderen Programmen gesehen, dass Streitkräfte solche Zertifizierungsprozesse grundsätzlich abbilden können, aber meistens erst dann aktiv werden, wenn ein konkreter Bedarf besteht. Die P19 ist derzeit noch eine Konzeptstudie. Solange daraus keine konkrete Ausschreibung oder Beschaffung entsteht, rechnen wir auch nicht mit einer entsprechenden militärischen Zertifizierung.

Wo soll die P19 preislich im Vergleich zu klassischen MALE-Drohnen liegen?
Wir sprechen ungefähr von einem Drittel der Kosten einer klassischen MALE-Drohne. Das ist natürlich noch eine relativ große Bandbreite.
Unseren Informationen nach hat das Projekt auch österreichische Wurzeln, oder?
Personelle Wurzeln, ja. Wenn wir über die P19 als konkretes Produkt sprechen, ist das Design allerdings innerhalb von sechs Wochen vor der Präsentation auf der ILA Berlin bei uns in Oberpfaffenhofen entstanden.
Sechs Wochen für ein derartiges Konzept – wie geht das?
Das ging nur mit einem Team, das im besten Sinne verrückt genug war, Tag und Nacht daran zu arbeiten. Die ILA als fester Termin hat uns zusätzlich angespornt.
„Wir stellen Quantum Systems momentan bewusst sehr breit auf und gehen in alle Dimensionen.“
Wie geht es jetzt weiter?
Wir werden jetzt nicht viel versprechen, sondern unsere Hausaufgaben machen und das Konzept weiterentwickeln. 2027 wollen wir die P19 dann im Erstflug zeigen.
Die P19 ist nicht die einzige Erweiterung des ursprünglich sehr klar umrissenen Portfolios. Mit Mandrill ist Quantum Systems Anfang des Jahres auch bereits auf den Boden gegangen. Was kommt als Nächstes?
Jetzt sind wir auch auf dem Wasser: Im September haben wir das USV Seavex und das UUV Subvex vorgestellt. Wir stellen Quantum Systems momentan bewusst sehr breit auf und gehen in alle Dimensionen. Mit Mandrill und der P19 haben wir in ihren jeweiligen Bereichen zunächst das obere Ende hinsichtlich der Größe markiert. In der Luft reicht unser Portfolio auf der anderen Seite bis zu kleinen Quadcoptern. Bei Landsystemen verfolgen wir ebenfalls den Anspruch, das Spektrum unbemannter Systeme breit abzudecken. Dazu gehören auch Autonomie-Kits, mit denen sich beispielsweise Lkw automatisieren lassen. Und in der maritimen Dimension wird unser Anspruch ähnlich sein.

Warum dieser massive Ausbau?
Wir sehen gerade eine enorme Konsolidierung im Markt – und daran sind wir wahrscheinlich selbst ein Stück weit beteiligt, weil wir Zulieferer kaufen und Technologien, Know-how und Personal in die Quantum-Gruppe integrieren. Unser Anspruch ist klar: Im Bereich unbemannter Systeme gibt es bislang keinen wirklichen Prime. Der wollen wir sein. Deshalb stellen wir uns entsprechend breit auf.
Wie wichtig ist dabei die gemeinsame Softwareplattform?
Dass der Softwarekern inzwischen steht, macht uns das Leben in vielen Bereichen deutlich leichter. Viele Diskussionen erübrigen sich dadurch. Die Frage „Welche Software packen wir darauf?” stellt sich nicht mehr – wir haben unsere Plattform. Der Schwerpunkt bei neuen Produkten liegt deshalb stärker auf der Hardware. Vereinfacht gesagt lautet der Anspruch: Kannst du eines fliegen, kannst du alle fliegen. Und künftig: Kannst du eines fahren, kannst du alle fahren. Im Idealfall lässt sich beides gleichzeitig bedienen.
Quantum Systems wächst extrem schnell. Was war für Sie persönlich in den vergangenen Monaten die bemerkenswerteste Entwicklung?
Dass uns die Ukraine als Flaggschiff und als Brückenbauer zwischen der Ukraine und Deutschland ausgewählt hat. So haben wir uns selbst immer gesehen. Aber dass das von höchster Stelle in der Ukraine anerkannt wird, der Präsident zu uns ins Werk kommt und bei uns das erste deutsch-ukrainische beziehungsweise europäisch-ukrainische Joint Venture einweiht, war für mich persönlich besonders. Diese Anerkennung durch einen sehr besonderen Kunden ist ein krasser Ritterschlag. Sie bedeutet aber auch eine Menge Verantwortung, der wir als Unternehmen erst einmal gerecht werden müssen.
In der Ukraine ändern sich Anforderungen teilweise innerhalb weniger Wochen. Wie übertragen Sie dieses Innovationstempo auf Deutschland und Europa?
Indem wir es nicht nach Deutschland übertragen. Wir sammeln das Wissen direkt vor Ort, betreiben dort Forschung und Entwicklung, nehmen Produktanpassungen vor und testen sie. Erst wenn die Iteration erfolgreich abgeschlossen ist, geht eine Lösung in unser globales Portfolio. Der Kern unseres Erfolgs ist seit Tag eins derselbe: Wir sind vor Ort. Wir sprechen mit den Piloten. Unsere Techniker gehen in die Stellungen, setzen sich auch zwei oder drei Tage mit den Piloten in den Schützengraben und schauen sich an, wie sie fliegen. Das macht den Unterschied. Es baut Vertrauen auf und wir lernen dabei wahnsinnig viel.
„Unser Anspruch ist klar: Im Bereich unbemannter Systeme gibt es bislang keinen wirklichen Prime. Der wollen wir sein.“
Hat sich dadurch auch die Wahrnehmung von Quantum Systems in der etablierten Rüstungsindustrie verändert?
Die großen Primes nehmen uns mittlerweile sicherlich ernster. Spannend finde ich aber vor allem einen anderen Bewusstseinswandel …
Nämlich?
Wir haben in einigen Ländern festgestellt, dass wir inzwischen selbst wie ein Prime behandelt werden. Plötzlich wurden wir als großer deutscher Wettbewerber wahrgenommen, der die heimische Industrie unter Druck setzen könnte. Das war für uns überraschend: Wir selbst hatten uns bis vor Kurzem eher als netten Underdog gesehen, der sich neben den etablierten Primes erstmal behaupten muss. Jetzt sind wir erwachsen – und damit manchen Leuten offenbar auch unsympathisch. Wir müssen lernen, damit umzugehen.

Droht mit dem Wachstum nicht auch genau jene Bürokratie zuzunehmen, die große Rüstungskonzerne oft langsam macht. Wie wollen Sie das verhindern?
Indem wir vor allem Ingenieurinnen und Ingenieure und Produktionsmitarbeitende einstellen, die jeden Tag schrauben und anpacken. Ich stehe nicht am Band und baue keine Drohnen. Natürlich wächst mit dem Unternehmen auch der Wasserkopf. Aber wir achten sehr darauf, dass das in Maßen passiert. Es wird dort eingestellt, wo es wirklich nötig ist, und nicht überall dort, wo zusätzliche Ressourcen angenehm wären.
Wo soll Quantum Systems in drei Jahren stehen?
Deutschland und die Ukraine sind unsere beiden Kernmärkte, und dort sind wir sehr gut positioniert. In den USA wollen wir unsere Präsenz ausbauen. Wir haben dort einen Produktionsstandort mit rund 200 Mitarbeitenden, haben vor Kurzem ein neues Büro in Alabama eröffnet und wollen vor Ort stärker wachsen. Auch der indopazifische Raum ist für uns aktuell sehr relevant. Japan und Südkorea sind beispielsweise Märkte, in denen ich großes Potenzial sehe.
„Unser Anspruch sollte sein, ein europäisches Unternehmen zu bleiben, das global tätig ist, aber seine europäische DNA behält.“
Und produktseitig?
Da wäre es schön, wenn man in drei Jahren sagen könnte: Es ist gelungen, aus Europa heraus einen Robotik-Weltmarktführer aufzubauen. Gleichzeitig möchte ich, dass wir unsere europäischen Wurzeln behalten. Das wird nicht einfach. Mit jeder Finanzierungsrunde wird europäisches Kapital dünner, je größer die Summen werden. Irgendwann wird es automatisch internationaler. Unser Anspruch sollte trotzdem sein, ein europäisches Unternehmen zu bleiben, das global tätig ist, aber seine europäische DNA behält.
Und welche Schlagzeile über Quantum Systems würden Sie irgendwann gerne lesen?
„Quantum Systems baut den neuen Mars-Roboter der nächsten Mars-Mission.” Unmanned Systems in Space – why not?
Fotocredits
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