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Unmanned Systems / Ground Robotics

Unbemannte Systeme im Ukraine-Krieg: Podium in Graz zeigt Europas Rückstand beim Tempo

Unbemannte Systeme entstehen in der Ukraine binnen Monaten, in Europa dauert es Jahre. Beim Graz Systems & Vision Forum diskutierten Bundesheer, ukrainische Nationalgarde, TU München und Apex, wie Technik rascher einsatzfähig wird – und wo Europa ansetzen muss.

Ukraine: Aktuelle Zahlen aus dem Drohnenkrieg
Die Prinz Vandal von Novgorod Glasfaser-Kabeldrohne ist technisch und auch stückzahlmäßig Russlands führende FPV-Drohne. · © Idnes

Wie stark der Ukraine-Krieg die Entwicklung unbemannter Systeme und Drohnen umgekrempelt hat, zeigte eine Podiumsdiskussion bei der „Beyond Mobility” in Graz. Drei Befunde zogen sich durch den Abend: Die Systeme werden kleiner, die Entwicklungszyklen kürzer, und Soldaten arbeiten unmittelbar mit Entwicklern zusammen. Beim Tempo haben die Streitkräfte Europas demnach erheblichen Aufholbedarf; unbemannte Systeme nach ukrainischem Muster verlangen andere Abläufe.

Die 19. Ausgabe des Graz Systems & Vision Forum (GSVF) lief am 7. und 8. Oktober in Graz unter dem Titel „Beyond Mobility – Smart, Sustainable & Secure Ecosystems”. Virtual Vehicle als Veranstalter ergänzte den traditionellen Schwerpunkt Mobilität um Anwendungen aus Verteidigung (Defence) und Health Tech; der zweite Tag gehörte ausschließlich militärischen Fragen.

Auf dem Podium saßen Brigadier Jürgen Schlechter, Kommandant des Amtes für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT) des Österreichischen Bundesheeres, Hauptmann Volodymyr Mirchuk vom 21st Unmanned Systems Regiment des 2nd Corps „Khartiia” der ukrainischen Nationalgarde, Professor Florian Holzapfel von der Technischen Universität München sowie Thomas Wambera, Vice President Defense bei Apex.

Die Leitfrage der Runde lautete, auf welchem Weg technologische Entwicklungen rascher zu tatsächlich einsatzfähigen militärischen Systemen werden.

Diskussionsrunde bei Beyond Mobility
Die Diskussionsrunde von links nach rechts:Florian Holzapfel (TU München), Thomas Wambera (Apex), Captain Volodymyr Mirchuk und Brigadier Jürgen Schlechter (Österreichisches Bundesheer). · © Unmanned Magazine/Zacharias

Unbemannte Systeme an der Front: 30.000 Robotikmissionen monatlich

Mirchuk machte das Tempo des Wandels an Zahlen fest: Rund 25.000 Missionen mit unbemannten Landfahrzeugen (UGV) zählte die Ukraine im August, im September waren es bereits etwa 30.000.

Zum Einsatz kommt dabei eine große Bandbreite an Rad- und Kettenfahrzeugen. Ausschlaggebend sei jedoch nicht die technische Komplexität, sondern ob ein System in der Praxis einsatzfähig ist.

Mirchuk sprach sich für kleine, günstige und leicht reparierbare Systeme aus; als besonders zweckmäßig gelten ihm UGV mit etwa 300 bis 500 Kilogramm Nutzlast. Große, schwere Fahrzeuge kosten in Anschaffung und Instandhaltung viel – und sie fallen auf dem immer transparenteren Gefechtsfeld als Ziele besonders auf.

Frontabschnitte, die von Drohnen überwacht und bekämpft werden, können sich über mehrere Dutzend Kilometer erstrecken. Dort zähle vor allem, Material unauffällig und mit vertretbarem Risiko ans Ziel zu bringen.

Ukrainische Marineinfanteristen hätten diese Erfahrung bestätigt, so Mirchuk: Für viele logistische Aufgaben erwiesen sich vergleichsweise einfache zivile Transportfahrzeuge als besonders brauchbar. Das größte oder leistungsfähigste Fahrzeug sei also nicht automatisch die beste Lösung.

Entwicklungszyklen von vier Monaten

Bei den Entwicklungszeiten tritt der Abstand zwischen der Ukraine und westlichen Beschaffungsstrukturen noch schärfer hervor. Rund vier Monate dauert laut Mirchuk ein Innovationszyklus für neue Systeme und Anpassungen im Durchschnitt; komplexere Vorhaben brauchen sechs Monate, einzelne Lösungen wie Drohnen mit Sicht aus der Ich-Perspektive (FPV, First-Person View) oder Abfangdrohnen werden teils binnen zwei Monaten angepasst.

Grundlage dafür ist der direkte Draht zwischen Entwicklern, Technikern und Soldaten im Einsatz. Mindestens fünf Werkstätten und Entwicklungslabore gibt es allein in Mirchuks Einheit; zehn bis 20 Prozent des Personals übernehmen dort technische Aufgaben, vom Programmieren und Konstruieren bis zur Reparatur und Weiterentwicklung vorhandener Systeme.

Der Ablauf gleicht einem Kreislauf: entwickeln, auf Übungsplätzen erproben, unter Einsatzbedingungen testen, anhand der Rückmeldungen sofort nachbessern – und wieder von vorn. Eigene Software für Flottenmanagement, Missionsauswertung und Logistik ergänzt das Ganze. Kommandeure sehen damit unter anderem, welche UGV gerade im Einsatz stehen, welche beschädigt oder zerstört wurden und welche Lehren einzelne Missionen liefern. Gesammelte Video- und Sensordaten sollen später KI-gestützte Funktionen voranbringen.

Ukraine: Current figures from the drone war
Die Ukraine probiert im Krieg gegen Russland unterschiedlichste Techniken aus – was funktioniert, wird in größeren Stückzahlen bestellt und produziert. · © Ukraine MoD

An die westlichen Streitkräfte richtete Mirchuk eine klare Empfehlung: Vor der sofortigen Beschaffung großer UGV-Flotten stehe der Aufbau eigener Kapazitäten für Ausbildung, Entwicklung und Modernisierung. Systeme selbst zu betreiben, zu warten und rasch an neue Anforderungen anzupassen – dazu müssten Streitkräfte in der Lage sein.

Bundesheer zwischen Gesetz und Nachholbedarf

Auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen wies Brigadier Jürgen Schlechter hin: Die Ukraine handle unter unmittelbarem Kriegsdruck, das Österreichische Bundesheer dagegen sei an gesetzliche Vorgaben und reguläre Beschaffungsverfahren gebunden.

Handlungsbedarf sieht er trotzdem in erheblichem Umfang. Jahrzehntelang habe Österreich zu wenig in seine Streitkräfte investiert, und dieser Rückstand lasse sich nicht binnen weniger Jahre vollständig aufholen. Vorrang hätten deshalb zunächst die Wiederherstellung bestehender Fähigkeiten und die Modernisierung konventioneller Waffensysteme. Unbemannte Systeme gehörten gleichwohl schon jetzt zur Entwicklung des Bundesheeres und würden künftig weiter an Gewicht gewinnen.

Einen unmittelbaren Schwerpunkt auf größere Beschaffungen unbemannter Landfahrzeuge erwartet Schlechter in den kommenden fünf Jahren nicht. Schneller vorangehen könne es dagegen bei ferngesteuerten Lösungen und ausgewählten Spezialanwendungen.

Gleichzeitig forderte er, eingeübte Denkweisen kritisch zu überprüfen. Sein Beispiel: die Debatte um die Ausbildung von Drohnenpiloten, in der teils Anforderungen aus der bemannten Luftfahrt übernommen würden – aus seiner persönlichen Sicht nicht immer sinnvoll. Neue Technologien zu beschaffen genüge nicht; es brauche auch die organisatorischen und technischen Voraussetzungen, um sie laufend anzupassen. Partner aus Industrie und Forschung könnten das Bundesheer dabei unterstützen.

Industrie: Einfache Konstruktion, skalierbare Fertigung

Die Sicht der Industrie brachte Thomas Wambera von Apex ein. Leistungsfähigkeit, Kosten und industrielle Skalierbarkeit unter einen Hut zu bringen, nannte er die wesentliche Schwierigkeit bei der Entwicklung unbemannter Landfahrzeuge. Sein Rezept: Konstruktionen einfach halten, vorhandene Komponenten nutzen und Fahrzeuge von Beginn an so auslegen, dass sie nicht nur als Prototyp entstehen, sondern bei Bedarf rasch in größeren Stückzahlen gebaut werden können.

Apex habe dabei eng mit ukrainischen Partnern und Zulieferern gearbeitet, von denen manche zuvor nie mit Militärfahrzeugen zu tun hatten. Kurze Abstimmungswege und ständige Rückmeldungen aus der Praxis seien entscheidend gewesen.

Vor einer Neigung zur technischen Überentwicklung, wie sie in Deutschland und Europa verbreitet sei, warnte Wambera ausdrücklich: Zusätzliche Anforderungen machten Systeme teurer und verlängerten die Entwicklung, ohne den praktischen Nutzen im gleichen Maß zu steigern. Modulare Architekturen seien deshalb der Schlüssel – entwickeln sich Hardware und Software weitgehend unabhängig voneinander weiter, lassen sich neue Fähigkeiten rascher einbauen und bestehende Plattformen leichter modernisieren.

Forschung fordert Fehlertoleranz

Für einen grundlegenden Umbau der Entwicklungsprozesse warb auch Professor Florian Holzapfel von der Technischen Universität München. Anhand eines Forschungsprojekts zur unbemannten Verwundetenevakuierung beschrieb er, wie viel vom direkten Austausch zwischen Entwicklern und künftigen Anwendern abhängt. Die technischen Komponenten seien unterschiedlich weit: Die Transportplattformen gelten als vergleichsweise ausgereift, automatisierte medizinische Funktionen stecken noch in früheren Entwicklungsphasen.

Als besonders hinderlich bezeichnete er überzogene oder praxisferne Vorgaben. So sei für eine Drohne zum Transport eines Verwundeten zwischenzeitlich eine Nutzlast von mindestens 500 Kilogramm verlangt worden – für die eigentliche Aufgabe kaum nachvollziehbar.

Anstelle umfangreicher Anforderungskataloge und jahrelanger Spezifikation sollten Entwickler und Nutzer gemeinsam experimentieren und aus den Ergebnissen lernen. Das setze mehr Fehlertoleranz voraus: Ein früh gescheiterter Versuch liefere wertvolle Erkenntnisse und spare am Ende Zeit und Geld, solange keine Menschen gefährdet werden.

Nicht weniger wichtig sei die Interoperabilität. Unterschiedliche Plattformen, Sensoren und Kommunikationssysteme müssten sich auch dann verbinden lassen, wenn sie ursprünglich nie für einen gemeinsamen Einsatz gedacht waren.

Logistik vor Evakuierung

Am Ende stand die Frage, welche Aufgaben unbemannte Landfahrzeuge vorrangig übernehmen sollten. Mirchuk legte sich eindeutig fest: Die Logistik hat Priorität, denn ohne funktionierenden Nachschub sei keine militärische Operation möglich.

Fotocredits

© Idnes · © Ukraine MoD · © Unmanned Magazine/Zacharias
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